Erst die Trennung von der Uhr schafft den Raum, in dem Menschen wieder zum eigenen Zeitrhythmus und dem der Umwelt finden

Serie Bildung: Zeitforscher Karlheinz und Jonas Geißler Alles hat seine Zeit, nur ich nicht

Ein Leben ohne Uhr verleiht der Zeit einen anderen Wert - vorausgesetzt, der eigene Takt des Lebens wird erkannt. Diese Kompetenzen sind erlernbar, sind sich die Zeitforscher Karlheinz und Jonas Geißler sicher.

Der präzise Umgang mit der Zeit ist nicht von einer Uhr abhängig, auch wenn die beiden Begriffe gerne verwechselt werden. In ihrem Buch "Alles hat seine Zeit, nur ich hab keine" setzen sich die Zeitforscher Karlheinz und Jonas Geißler mit der sich verändernden Funktion der Uhr auseinander. War sie einst der Schlüssel dazu, dass Zeit monetarisiert werden kann, gibt sie immer mehr Bedeutung ab - an das Mobiltelefon.

Uhr ablegen - eigene Zeitimpulse wieder wahrnehmen

Die Uhr wurde vor rund 700 Jahren erfunden und bestimmt seither das menschliche Leben: Sie löst die Lebenszeit vom natürlichen Rhythmus und vertaktet sie, was wiederum die Voraussetzung für die permanente Beschleunigung ist. Um dieses ausgeschöpfte Potenzial zu kompensieren, erfolgt die Beschleunigung nun über die Zeitverdichtung, was zur Abkehr von der Starre und Hinwendung zur Flexibilität führt. 

Aber erst die Trennung von der Uhr schafft den Raum, in dem Menschen wieder zum eigenen Zeitrhythmus und dem der Umwelt finden. Die Kompetenz, die eigenen Zeitsignale zu verstehen und dabei auch ganz bewusst eine Zeitvielfalt, nämlich sowohl aktive als auch ruhige Phasen zu leben, kann antrainiert werden. Vor allem die qualitativ hochwertige Langsamkeit sollte dabei nicht unterschätzt werden: Aus Langeweile werden kreative Ideen geboren, banale Ruhepausen und Spaziergänge bringen Innovationen hervor - Hochstressphasen sind dafür weniger geeignet.

Knappe Zeit - nicht automatisch Zeichen von Erfolg

Karlheinz und Jonas Geißler weisen explizit darauf hin, dass sich bestimmte Bereiche des privaten und beruflichen Lebens ganz einfach nicht beschleunigen lassen. Dazu zählen Vertrauen und Liebe, aber auch Innovationsgeist oder das Lernen und der Genuss. Zeitmangel kann also nicht per se als Erfolgskriterium gelten. Wie in jeder anderen Beziehung auch geht es beim Thema Zeit um das richtige Maß, das jeder Mensch für sich selbst definieren muss.

Ein Leben ohne Uhr verleiht der Zeit einen anderen Wert."

Einerseits ist der Mensch sich nämlich seiner Endlichkeit bewusst, fällt seine Entscheidungen vor diesem Hintergrund und begrenzt damit selbst sein Erleben im Jetzt - zumindest, sobald er aus dem Kindesalter heraus ist. Bis zum sechsten Lebensjahr verfügen Kinder noch nicht über diese Fähigkeit der Abstraktion, sie leben ganz unmittelbar in ihren Jetzt-Erfahrungen. Diese pure Sinneswahrnehmung mag verlockend erscheinen, allerdings führt das Bewusstsein der Endlichkeit auch zu Ideen und Gedanken, die durchaus einen positiven Einfluss auf das Leben haben. Karlheinz und Jonas Geißler verschieben den Blickwinkel auf das Zeitphänomen - und eröffnen neue Horizonte.

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