Mehr Flexibilität Börsenhandel rund um die Uhr
London verlängert den Handel deutlich.
Die London Stock Exchange plant einen wichtigen Schritt in Richtung nahezu durchgängigen Börsenhandels. Mit der neuen Plattform LSE 24 sollen Anleger künftig auch außerhalb der regulären Londoner Handelszeiten Wertpapiere kaufen und verkaufen können. Die Plattform soll montags bis freitags von 17 Uhr bis 7:50 Uhr Londoner Zeit betrieben werden. Eine kurze Unterbrechung ist für die tägliche Abwicklung vorgesehen. Ende 2026 sollen erste Kundentests beginnen. In der ersten Hälfte des Jahres 2027 ist der Start mit börsengehandelten Produkten, sogenannten ETPs, geplant. Später könnten auch Aktien hinzukommen. Voraussetzung bleibt die Zustimmung der britischen Finanzaufsicht.
Damit reagiert die Londoner Börse auf einen internationalen Trend. Auch große Handelsplätze in den USA arbeiten an deutlich längeren Öffnungszeiten.
Weltweite Anleger handeln zu unterschiedlichen Zeiten
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Die klassischen Börsenzeiten stammen aus einer Zeit, in der der Handel überwiegend national organisiert war. Heute investieren Anleger weltweit. Während in London Nacht ist, sind die Märkte in Asien geöffnet. Wenn dort wichtige Nachrichten veröffentlicht werden, können europäische Anleger bislang oft erst viele Stunden später reagieren.
Längere Handelszeiten bieten deshalb mehrere Vorteile:
- schnellere Reaktion auf Unternehmens- und Wirtschaftsnachrichten,
- bessere Erreichbarkeit für Anleger aus anderen Zeitzonen,
- flexiblere Absicherung bestehender Positionen,
- einfacherer Handel internationaler Anlageprodukte.
Besonders für institutionelle Investoren kann es wichtig sein, Risiken auch außerhalb der üblichen europäischen Börsenzeiten zu steuern.
ETPs eignen sich als erster Schritt
Die LSE startet bewusst mit Exchange Traded Products. Dazu zählen neben ETFs auch börsengehandelte Rohstoff- oder Krypto-Produkte. Viele dieser Anlagen beziehen sich auf Märkte, die außerhalb der Londoner Handelszeiten aktiv sind.
Ein ETF auf US-Aktien kann beispielsweise auch am späten Abend auf neue Entwicklungen in New York reagieren. Ein Gold-ETP orientiert sich an einem international nahezu durchgehend gehandelten Markt. Der längere Handel kann deshalb grundsätzlich helfen, Preise schneller an neue Informationen anzupassen.
Ein deutscher Anleger kann die neue Plattform allerdings nur nutzen, wenn sein Broker oder seine Bank einen entsprechenden Zugang anbietet. Die Öffnungszeiten der Börse allein bedeuten nicht automatisch, dass jedes Depot rund um die Uhr handeln kann.
Weniger Liquidität kann den Handel verteuern
Mit LSE 24 passt sich die Londoner Börse an einen globaleren und zunehmend digitalen Finanzmarkt an. Für internationale Anleger kann der längere Handel den Zugang erleichtern und eine schnellere Reaktion auf Ereignisse ermöglichen."
Die größte Herausforderung längerer Börsenzeiten ist die Liquidität. Während der regulären Handelszeit sind meist viele Käufer, Verkäufer und professionelle Market Maker aktiv. Dadurch liegen Kauf- und Verkaufskurse relativ eng beieinander.
In der Nacht könnte das Handelsvolumen zunächst deutlich geringer ausfallen. Dann wächst häufig der Abstand zwischen An- und Verkaufspreis, der sogenannte Spread.
Ein Beispiel: Während der Hauptzeit wird ein ETF möglicherweise zu 99,98 Euro angekauft und zu 100,02 Euro verkauft. Bei schwachem nächtlichem Handel könnten die Kurse bei 99,50 und 100,50 Euro liegen. Wer sofort kauft oder verkauft, trägt dadurch wesentlich höhere indirekte Kosten.
Privatanleger sollten außerhalb der Hauptzeiten deshalb besonders auf Folgendes achten:
- Limit- statt unlimitierter Marktorders verwenden,
- aktuelle Spreads kontrollieren,
- geringes Handelsvolumen berücksichtigen,
- sehr kurzfristige Reaktionen auf Schlagzeilen vermeiden.
Mehr Handelszeit bedeutet nicht automatisch bessere Ausführungskurse.
Schnelle Reaktionen sind nicht immer bessere Entscheidungen
Die Möglichkeit, jederzeit zu handeln, kann Anleger zu häufigeren Transaktionen verleiten. Eine Nachricht am späten Abend löst vielleicht einen spontanen Verkauf aus, obwohl die erste Marktreaktion übertrieben ist oder wichtige Informationen noch fehlen.
Für langfristige Anleger entsteht durch den Nachthandel daher nur ein begrenzter Vorteil. Wer über Jahre in einen breit gestreuten ETF investiert, muss nicht auf jede Nachricht innerhalb weniger Minuten reagieren.
Die größere Flexibilität ist vor allem dann hilfreich, wenn ein konkreter Handelsbedarf besteht. Sie sollte jedoch nicht mit der Notwendigkeit verwechselt werden, das Depot ständig zu überwachen.
Die Preisbildung wird komplexer
Die neue Plattform soll getrennt vom regulären Hauptmarkt betrieben werden. Damit kann dasselbe Produkt zu unterschiedlichen Zeiten und möglicherweise auf mehreren Handelsplätzen gehandelt werden.
Die Kurse sollten sich grundsätzlich aneinander orientieren. Bei geringer Liquidität oder starken Nachrichtenbewegungen können jedoch vorübergehend Unterschiede entstehen. Anleger müssen deshalb stärker darauf achten, an welchem Handelsplatz und zu welcher Uhrzeit sie handeln.
Auch die Feststellung offizieller Eröffnungs- und Schlusskurse bleibt wichtig. Viele Fonds, Derivate und institutionelle Portfolios orientieren sich weiterhin an den Preisen des regulären Hauptmarktes.
Mehr Flexibilität ohne Handlungszwang
Mit LSE 24 passt sich die Londoner Börse an einen globaleren und zunehmend digitalen Finanzmarkt an. Für internationale Anleger kann der längere Handel den Zugang erleichtern und eine schnellere Reaktion auf Ereignisse ermöglichen.
Für Privatanleger überwiegen die Vorteile jedoch nur, wenn ausreichend Liquidität vorhanden ist und die Handelskosten kontrolliert werden. Besonders nachts können breite Spreads und geringe Umsätze zu ungünstigen Preisen führen.
Der nahezu durchgängige Handel schafft damit eine zusätzliche Möglichkeit, aber keinen Zwang. Für den langfristigen Vermögensaufbau bleiben niedrige Kosten, breite Streuung und eine klare Strategie wichtiger als die Fähigkeit, zu jeder Tages- und Nachtzeit handeln zu können.
Artikel aus der Serie „Rollen im Börsenhandel“
Rollen im Börsenhandel: Die Bank
Rollen im Börsenhandel: Der Verkäufer
Rollen im Börsenhandel: Die Lieferung
Rollen im Börsenhandel: Die Aufsicht
Rollen im Börsenhandel: Die Ausführung
Rollen im Börsenhandel: Der Händler
Rollen im Börsenhandel: Der Preis
Rollen im Börsenhandel: Der Käufer
Rollen im Börsenhandel: Die Börse
Rollen im Börsenhandel: Die Order
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