Finanzwissen im Rentenalter Das Depot im Rentenalter neu ausrichten

Mit dem Rentenbeginn verändert sich die Aufgabe eines Wertpapierdepots. Während des Berufslebens steht meist der langfristige Vermögensaufbau im Vordergrund. Im Rentenalter soll das angesparte Kapital dagegen möglicherweise zusätzliches Einkommen liefern, größere Ausgaben finanzieren und zugleich möglichst lange erhalten bleiben.

Das bedeutet jedoch nicht, dass sämtliche Aktien verkauft und durch Tagesgeld oder festverzinsliche Anlagen ersetzt werden sollten. Auch nach dem Eintritt in den Ruhestand kann der Anlagehorizont noch lang sein. Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes hatten 65-jährige Männer im Jahr 2024 statistisch noch 18,0 und gleichaltrige Frauen 21,2 weitere Lebensjahre vor sich. Viele Depots müssen deshalb nicht nur einige Jahre, sondern möglicherweise zwei Jahrzehnte oder länger funktionieren.

Nicht das Alter allein entscheidet

Die passende Depotstruktur lässt sich nicht mit einer starren Altersregel bestimmen. Entscheidend ist vielmehr, welche Aufgabe das Vermögen erfüllen soll.

Ein Pensionär, dessen laufende Ausgaben vollständig durch Pension und Mieteinnahmen gedeckt sind, kann stärkere Kursschwankungen möglicherweise leichter aushalten. Eine Rentnerin, die jeden Monat 800 Euro aus ihrem Depot benötigt, ist dagegen stärker darauf angewiesen, dass ausreichend liquide und schwankungsarme Mittel vorhanden sind.

Vor einer Umschichtung sollten daher insbesondere folgende Fragen beantwortet werden:

  • Welcher Betrag wird regelmäßig aus dem Depot benötigt?
  • Welche größeren Ausgaben sind in den nächsten Jahren absehbar?
  • Wie hoch sind die sicheren Einkünfte aus Rente, Pension oder Versorgungswerk?
  • Soll ein Teil des Vermögens möglichst vererbt werden?
  • Welche Kursschwankungen lassen sich finanziell und persönlich aushalten?

Erst aus diesen Antworten ergibt sich, wie viel Sicherheit erforderlich ist und welcher Anteil langfristig investiert bleiben kann.

Liquidität schützt vor Verkäufen zum falschen Zeitpunkt

Wer laufend Geld aus seinem Depot entnimmt, sollte vermeiden, in einer schwachen Börsenphase sofort Aktien oder Aktienfonds verkaufen zu müssen. Ein ausreichend großer Betrag auf Tagesgeld, Festgeld oder in anderen schwankungsarmen Anlagen kann die laufenden Entnahmen vorübergehend übernehmen.

Ein vereinfachtes Beispiel: Aus einem Depot sollen monatlich 1.000 Euro das übrige Einkommen ergänzen. Werden 36.000 Euro als Entnahmereserve zurückgelegt, können daraus rechnerisch drei Jahre überbrückt werden. Der übrige Teil des Vermögens muss während dieser Zeit nicht allein wegen der laufenden Ausgaben verkauft werden.

Wie groß eine solche Reserve sein sollte, hängt von der individuellen Situation ab. Neben den regelmäßigen Entnahmen müssen auch mögliche Sonderausgaben berücksichtigt werden, etwa für eine neue Heizung, ein Fahrzeug, eine größere Reise oder notwendige Umbauten an der Immobilie.

Die Reserve sollte allerdings nicht mit dem gesamten Depot verwechselt werden. Wer sein vollständiges Vermögen dauerhaft als unverzinstes oder niedrig verzinstes Guthaben hält, gewinnt zwar kurzfristige Stabilität, verzichtet aber möglicherweise auf langfristige Ertragschancen.

Aktien können weiterhin eine Aufgabe erfüllen

Entscheidend sind die benötigten Entnahmen, die übrigen Alterseinkünfte, vorhandene Rücklagen und der persönliche Umgang mit Schwankungen. Wer kurzfristige Ausgaben absichert, langfristige Anlagen breit streut und das Depot regelmäßig an die eigene Lebenssituation anpasst, macht aus dem früheren Ansparvermögen einen planbaren Bestandteil der Altersversorgung."

Aktien und Aktienfonds schwanken teilweise erheblich. Die BaFin weist darauf hin, dass sich Wertpapiere grundsätzlich eher für eine langfristige Geldanlage eignen und ihre Kurse schnell steigen oder fallen können. Gerade deshalb sollte Geld, das kurzfristig benötigt wird, nicht vollständig in schwankungsreichen Anlagen investiert sein.

Für den langfristigen Teil des Vermögens können Aktien dennoch weiterhin sinnvoll sein. Sie bieten die Möglichkeit, an der wirtschaftlichen Entwicklung von Unternehmen beteiligt zu bleiben. Das kann besonders wichtig werden, wenn das Vermögen über viele Jahre reichen und steigende Lebenshaltungskosten ausgleichen soll.

Dabei geht es nicht darum, im Rentenalter möglichst hohe Risiken einzugehen. Vielmehr sollte das Depot mehrere Aufgaben verbinden:

  • kurzfristig benötigtes Geld möglichst stabil bereithalten,
  • mittelfristige Ausgaben planbar finanzieren,
  • langfristig einen Teil des Vermögens ertragsorientiert anlegen.

Die Aufteilung kann sich mit zunehmendem Alter, verändertem Gesundheitszustand oder neuen finanziellen Zielen weiter verschieben. Das Depot ist daher keine einmalige Entscheidung für den gesamten Ruhestand.

Breite Streuung statt vieler Einzelwetten

Im Laufe eines langen Anlegerlebens sammeln sich häufig zahlreiche Einzelaktien, Fonds, Zertifikate und ältere Vertragslösungen an. Nicht jede dieser Positionen passt noch zur heutigen Lebenssituation. Manche Depots wirken breit gestreut, hängen tatsächlich aber stark von wenigen Unternehmen, Branchen oder Ländern ab.

Eine Überprüfung kann deshalb zeigen, ob einzelne Positionen zu groß geworden sind, Produkte ähnliche Inhalte besitzen oder unnötig hohe Kosten verursachen. Fonds ermöglichen grundsätzlich eine Streuung über viele Wertpapiere, ohne dass Anleger selbst zahlreiche Einzeltitel auswählen und überwachen müssen. Auch eine breite Streuung verhindert Verluste nicht, sie kann jedoch die Abhängigkeit von einzelnen Unternehmen reduzieren.

Eine Neuausrichtung muss nicht bedeuten, alles sofort zu verkaufen. Häufig lässt sich das Depot schrittweise vereinfachen. Neue Entnahmen können zunächst aus übergewichteten Positionen erfolgen. Ausschüttungen und frei werdende Beträge können genutzt werden, um die gewünschte Verteilung wiederherzustellen.

Nicht nach jedem Kursrückgang neu entscheiden

Besonders problematisch wird ein Depot, wenn seine Struktur nur in guten Börsenphasen akzeptabel erscheint. Wer bei steigenden Kursen einen hohen Aktienanteil angenehm findet, bei stärkeren Rückgängen aber verkaufen möchte, trägt möglicherweise mehr Risiko, als tatsächlich ausgehalten werden kann.

Die passende Aufteilung sollte deshalb nicht an der aktuellen Börsenstimmung ausgerichtet werden. Sinnvoller ist eine Struktur, die auch bei vorübergehenden Kursverlusten durchgehalten werden kann. Dazu gehört, das Depot regelmäßig zu prüfen, aber nicht auf jede Marktbewegung zu reagieren.

Fazit: Aus dem Ansparplan wird ein Versorgungsplan

Das Depot im Rentenalter muss Sicherheit und langfristige Ertragschancen miteinander verbinden. Ein vollständiger Rückzug aus Aktien ist ebenso wenig automatisch richtig wie das unveränderte Fortführen einer sehr offensiven Anlagestrategie.

Entscheidend sind die benötigten Entnahmen, die übrigen Alterseinkünfte, vorhandene Rücklagen und der persönliche Umgang mit Schwankungen. Wer kurzfristige Ausgaben absichert, langfristige Anlagen breit streut und das Depot regelmäßig an die eigene Lebenssituation anpasst, macht aus dem früheren Ansparvermögen einen planbaren Bestandteil der Altersversorgung.

Hinweis: Dieser Beitrag dient ausschließlich der allgemeinen Information und stellt keine individuelle Anlage-, Steuer- oder Rechtsberatung dar. Wertpapieranlagen können im Wert schwanken und zu Verlusten führen. Eine geeignete Depotstruktur hängt von der persönlichen Vermögens-, Einkommens- und Risikosituation sowie vom geplanten Anlage- und Entnahmezeitraum ab.