Besser entscheiden Einfach gleich verteilen
Naive Diversification: warum eine gleichmäßige Aufteilung nicht automatisch zu einer guten Risikostruktur führt.
Vier Anlageklassen, also jeweils 25 Prozent. Fünf Fonds, also jeweils 20 Prozent. Eine solche Aufteilung wirkt auf den ersten Blick ausgewogen und vernünftig. Genau darin liegt aber eine mögliche Falle. Die Behavioral Finance (verhaltensorientierte Finanzforschung) beschreibt dieses Muster als Naive Diversification (schematische Gleichverteilung auf mehrere Anlageoptionen ohne genaue Prüfung der tatsächlichen Risiken).
Das Prinzip ist einfach: Wenn mehrere Möglichkeiten zur Auswahl stehen, verteilen Menschen ihr Geld oft relativ gleichmäßig auf diese Möglichkeiten. Dadurch entsteht zwar optisch eine breite Streuung, aber nicht automatisch eine wirklich ausgewogene Vermögensstruktur.
Gleich verteilt ist nicht gleich gut gestreut
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Angenommen, jemand möchte 100.000 Euro investieren und entscheidet sich für vier Fonds. Jeder Fonds erhält 25.000 Euro. Auf den ersten Blick ist das sauber verteilt.
Nun stellt sich aber heraus, dass drei der Fonds stark auf US-Technologieunternehmen setzen und der vierte Fonds ebenfalls einen hohen Anteil großer amerikanischer Aktien enthält. Formal bestehen vier Positionen, tatsächlich hängt ein erheblicher Teil des Vermögens von denselben Unternehmen und demselben Marktsegment ab.
Die reine Zahl der Anlagen sagt deshalb wenig darüber aus, wie gut ein Depot wirklich diversifiziert ist. Entscheidend ist die Diversifikation (Verteilung des Vermögens auf unterschiedliche Anlagen und Risiken) auf wirtschaftlich verschiedene Risikofaktoren.
Naive Diversification kann sich beispielsweise zeigen, wenn:
- vorhandene Fonds einfach zu gleichen Teilen gewichtet werden,
- mehrere ähnliche Produkte für eine breite Streuung gehalten werden,
- jede angebotene Anlageklasse automatisch denselben Anteil erhält,
- unterschiedliche Risiken allein nach Anzahl statt nach Bedeutung verteilt werden.
Damit kann ein Depot äußerlich sehr ordentlich aussehen und trotzdem stark konzentriert sein.
Auswahl bestimmt die Verteilung
Ein weiterer interessanter Effekt entsteht dadurch, dass die angebotenen Möglichkeiten selbst die Entscheidung beeinflussen können. Angenommen, ein Vorsorgeplan bietet vier Aktienfonds und einen Anleihefonds an. Wer sein Geld gleichmäßig auf alle fünf Produkte verteilt, landet automatisch bei 80 Prozent Aktien.
Bestünde das Angebot dagegen aus einem Aktienfonds und vier Anleihefonds, würde dieselbe 20-Prozent-Regel zu einer Aktienquote von nur 20 Prozent führen. Die Risikostruktur wäre also völlig unterschiedlich, obwohl die Entscheidungsmethode exakt dieselbe geblieben ist.
Das zeigt, warum eine schematische Gleichverteilung problematisch sein kann: Nicht die persönlichen Ziele bestimmen dann die Struktur, sondern die zufällige Zusammensetzung der verfügbaren Auswahl.
Risiko ist nicht proportional zum Geldbetrag
Naive Diversification erinnert deshalb daran, nicht die Anzahl der Positionen mit echter Streuung zu verwechseln. Gute Diversifikation entsteht dann, wenn unterschiedliche Risiken bewusst kombiniert und passend zur eigenen Situation gewichtet werden."
Auch identische Geldbeträge bedeuten nicht identische Risiken. 25.000 Euro in einem Tagesgeldkonto verhalten sich anders als 25.000 Euro in einer einzelnen Wachstumsaktie. Ebenso kann ein kleiner Anteil eines hoch volatilen Investments stärker zur Gesamtschwankung beitragen als ein deutlich größerer Anteil einer defensiveren Anlage.
Ein Beispiel: Ein Vermögen besteht zu jeweils 25 Prozent aus Aktien, Unternehmensanleihen, Gold und Liquidität. Diese Aufteilung wirkt neutral. Ob sie tatsächlich sinnvoll ist, hängt aber von Anlagehorizont, Risikobereitschaft, Einkommenssituation und den Wechselwirkungen zwischen den Anlageklassen ab.
Eine gute Vermögensaufteilung entsteht deshalb nicht aus dem Wunsch, alles gleich zu behandeln, sondern aus der Frage, welchen Zweck jede Anlage im Gesamtportfolio erfüllt.
Erst Ziel, dann Gewichtung
Ein hilfreicher Ansatz besteht darin, die Struktur nicht von der Anzahl der verfügbaren Produkte abzuleiten. Stattdessen sollten zunächst Ziele, Anlagehorizont und gewünschtes Risiko festgelegt werden.
Danach können die einzelnen Anlagen gezielt gewichtet werden. Dabei helfen Fragen wie:
- Welche Risiken sind bereits im Vermögen vorhanden?
- Welche Anlage ergänzt die bestehende Struktur tatsächlich?
- Welche Gewichtung passt zum persönlichen Verlustpotenzial?
- Sind mehrere Anlagen wirtschaftlich wirklich voneinander unabhängig?
Erst danach sollte entschieden werden, welche Beträge auf einzelne Positionen entfallen.
Fazit
Gleichmäßige Verteilung fühlt sich fair und ausgewogen an. Finanzielle Risiken funktionieren jedoch nicht nach dem Prinzip „jeder bekommt denselben Anteil“. Mehrere Anlagen können sehr ähnliche Risiken enthalten, während unterschiedlich große Positionen ganz verschiedene Aufgaben erfüllen.
Naive Diversification erinnert deshalb daran, nicht die Anzahl der Positionen mit echter Streuung zu verwechseln. Gute Diversifikation entsteht dann, wenn unterschiedliche Risiken bewusst kombiniert und passend zur eigenen Situation gewichtet werden.
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