Finanzielle Abwägungen Faktor-ETF oder Markt-ETF?

Breit gestreute Markt-ETFs bilden einen Aktienmarkt möglichst neutral nach festen Indexregeln ab.

Faktor-ETFs gehen einen Schritt weiter: Sie gewichten Unternehmen gezielt nach bestimmten Eigenschaften, von denen sich Anleger langfristig eine höhere Rendite oder ein günstigeres Verhältnis von Chancen und Risiken versprechen. Damit entsteht eine interessante Abwägung. Der klassische Markt-ETF ist einfach, transparent und kostengünstig. Eine Faktorstrategie versucht dagegen, bestimmte systematische Eigenschaften des Aktienmarktes gezielt zu nutzen. Ob sich dieser zusätzliche Aufwand lohnt, hängt davon ab, wie gut die Strategie verstanden wird und ob Anleger auch längere Phasen schwächerer Entwicklung durchhalten können.

Was für einen Markt-ETF spricht

Ein Markt-ETF orientiert sich meist an der Marktkapitalisierung, also dem Börsenwert der Unternehmen. Große Konzerne erhalten dadurch ein höheres Gewicht als kleinere.

Der Anleger muss nicht entscheiden, welche Unternehmen besonders günstig bewertet, besonders profitabel oder besonders wachstumsstark sind. Er kauft im Wesentlichen den Markt, wie er sich aktuell zusammensetzt.

Gerade für den langfristigen Vermögensaufbau ist diese Einfachheit ein Vorteil. Ein breit gestreuter Welt-ETF kann Hunderte oder Tausende Unternehmen enthalten und benötigt kaum laufende Entscheidungen. Kosten und Umschichtungen bleiben meist gering, und die Strategie lässt sich leicht erklären: Das Depot soll nicht besser sein als der Markt, sondern dessen Entwicklung möglichst zuverlässig nachvollziehen.

Diese Schlichtheit hilft auch psychologisch. Läuft ein bestimmter Anlagestil einige Jahre schlecht, muss nicht ständig überprüft werden, ob die Strategie noch funktioniert.

Der Anleger akzeptiert vielmehr, dass unterschiedliche Branchen und Unternehmen im Laufe der Zeit automatisch an Bedeutung gewinnen oder verlieren.

Faktor-ETFs setzen bewusst andere Schwerpunkte

Faktor-ETFs weichen von dieser neutralen Marktgewichtung ab. Sie wählen oder gewichten Aktien nach bestimmten Merkmalen. Häufig verwendete Faktoren sind beispielsweise Value, Quality, Momentum und Size.

Value bezeichnet Aktien, die gemessen an bestimmten Unternehmenskennzahlen vergleichsweise günstig bewertet erscheinen. Quality bevorzugt finanziell solide und profitable Unternehmen. Momentum setzt stärker auf Aktien, die sich in der jüngeren Vergangenheit besonders gut entwickelt haben. Size gewichtet kleinere Unternehmen stärker als ein klassischer Marktindex.

Die Idee dahinter ist nicht, einzelne Gewinner vorherzusagen. Stattdessen soll eine bestimmte Eigenschaft systematisch über viele Unternehmen hinweg genutzt werden. Historische Untersuchungen zeigen für einige solcher Faktoren langfristige Renditeunterschiede. Daraus folgt jedoch nicht, dass sie auch künftig jederzeit besser abschneiden.

Beispiel: Einfach investieren und nicht nachsteuern

Ein 34-jähriger Anleger spart monatlich für seine Altersvorsorge. Er möchte wenig Zeit mit seinem Depot verbringen und möglichst vermeiden, bei jeder Marktphase seine Strategie infrage zu stellen.

Für ihn kann ein klassischer Welt-ETF gut passen. Er erhält eine breite Streuung, muss keine zusätzlichen Faktoren auswählen und kann seinen Sparplan über viele Jahre unverändert fortführen.

Ein Faktor-ETF könnte langfristig einen Mehrertrag erzielen, würde aber eine zusätzliche Entscheidung verlangen: Welcher Faktor soll gewählt werden, wie stark soll er gewichtet werden und wie lange wird an ihm festgehalten, wenn er über Jahre schlechter als der Gesamtmarkt läuft?

Für einen Anleger, der vor allem Einfachheit sucht, kann dieser zusätzliche Aufwand mehr Nachteil als Vorteil sein.

Beispiel: Bewusster Faktoranteil im Depot

Ein Markt-ETF bietet eine einfache, kostengünstige und breit gestreute Möglichkeit, an der Entwicklung des Aktienmarktes teilzunehmen. Er eignet sich besonders für Anleger, die eine langfristige Strategie mit möglichst wenig laufenden Entscheidungen bevorzugen."

Eine erfahrene Anlegerin besitzt bereits einen breit gestreuten Welt-ETF. Sie möchte einen begrenzten Teil ihres Aktienvermögens stärker auf günstig bewertete und profitable Unternehmen ausrichten.

Sie könnte beispielsweise 80 Prozent im klassischen Markt-ETF belassen und 20 Prozent über einen Faktor-ETF investieren. Damit bleibt der Großteil des Depots breit und einfach aufgestellt, während der kleinere Anteil bewusst von der Marktgewichtung abweicht.

Eine solche Kombination kann sinnvoller sein als das gesamte Depot auf eine einzige Faktorstrategie umzustellen. Läuft der gewählte Faktor über mehrere Jahre schwach, bleibt der Einfluss auf das Gesamtvermögen begrenzt.

Der schwierigste Punkt ist das Durchhalten

Faktorstrategien können lange Phasen erleben, in denen sie schlechter abschneiden als der breite Markt. Genau darin liegt eines ihrer größten praktischen Probleme.

Ein Anleger entscheidet sich beispielsweise für Value-Aktien, weil er von deren langfristigen Chancen überzeugt ist. In den folgenden fünf Jahren entwickeln sich wachstumsstarke Technologieunternehmen deutlich besser. Der Markt-ETF steigt kräftig, während der Faktor-ETF zurückbleibt.

In dieser Situation entsteht schnell der Eindruck, die Strategie sei falsch. Wer dann verkauft und zum gerade erfolgreichen Faktor wechselt, läuft Gefahr, immer den Entwicklungen der Vergangenheit hinterherzulaufen.

Eine Faktorstrategie funktioniert daher nur dann sinnvoll, wenn ihr Grundprinzip verstanden wird und längere Schwächephasen ausgehalten werden können.

Mehr Komplexität bedeutet nicht automatisch mehr Rendite

Faktor-ETFs können interessant sein, wenn bestimmte Eigenschaften des Aktienmarktes bewusst stärker gewichtet werden sollen. Sie verlangen jedoch mehr Verständnis, etwas höhere Kosten und vor allem die Bereitschaft, auch längere Phasen schwächerer Entwicklung durchzuhalten."

Ein Faktor-ETF klingt schnell anspruchsvoller als ein einfacher Markt-ETF. Das macht ihn aber nicht automatisch überlegen. Auswahlregeln, Gewichtungsmethoden und Kosten unterscheiden sich teilweise deutlich. Zwei ETFs mit der Bezeichnung „Quality“ können deshalb sehr verschiedene Portfolios enthalten.

Zusätzlich wird ein Faktor häufig erst nach mehreren Auswahlstufen umgesetzt. Unternehmen müssen bestimmte Mindestgrößen erfüllen, Kennzahlen werden unterschiedlich berechnet und einzelne Branchen können stärker oder schwächer vertreten sein. Der Anleger sollte deshalb zumindest grob nachvollziehen können, nach welchen Regeln der Fonds tatsächlich arbeitet.

Je komplizierter die Strategie wird, desto größer ist auch die Gefahr, dass sie nur aufgrund guter historischer Daten ausgewählt wurde.

Kosten und Umschichtungen beachten

Faktor-ETFs sind häufig etwas teurer als sehr einfache Markt-ETFs. Zudem müssen sie ihre Zusammensetzung teilweise häufiger verändern, weil Unternehmen die jeweiligen Kriterien erfüllen oder wieder verlieren.

Diese Umschichtungen können zusätzliche Handelskosten verursachen. Der Unterschied muss nicht groß sein, sollte aber berücksichtigt werden. Ein möglicher Faktorvorteil muss nach Kosten beim Anleger ankommen.

Gerade bei langfristigen Strategien lohnt sich deshalb ein nüchterner Blick auf die Gesamtkosten und nicht nur auf beeindruckende historische Renditen.

Ein Faktor oder mehrere?

Wer Faktoren nutzen möchte, muss nicht zwingend auf einen einzigen setzen. sogenannte Multi-Faktor-ETFs kombinieren mehrere Merkmale, beispielsweise Value, Quality und Momentum.

Das kann die Abhängigkeit von einer einzelnen Strategie reduzieren. Gleichzeitig wird die Anlage noch komplexer. Je mehr Faktoren miteinander kombiniert werden, desto schwieriger lässt sich nachvollziehen, wodurch die Wertentwicklung tatsächlich entsteht.

Für viele Anleger kann deshalb ein einfacher Markt-ETF als Kern ausreichen. Faktoren sind dann eine mögliche Ergänzung, nicht zwingend eine notwendige Verbesserung.

Fazit

Ein Markt-ETF bietet eine einfache, kostengünstige und breit gestreute Möglichkeit, an der Entwicklung des Aktienmarktes teilzunehmen. Er eignet sich besonders für Anleger, die eine langfristige Strategie mit möglichst wenig laufenden Entscheidungen bevorzugen.

Faktor-ETFs können interessant sein, wenn bestimmte Eigenschaften des Aktienmarktes bewusst stärker gewichtet werden sollen. Sie verlangen jedoch mehr Verständnis, etwas höhere Kosten und vor allem die Bereitschaft, auch längere Phasen schwächerer Entwicklung durchzuhalten.

Für viele Anleger kann deshalb eine Kombination überzeugen: den überwiegenden Teil des Aktienvermögens über einen breiten Markt-ETF abbilden und Faktorstrategien nur als begrenzte Ergänzung einsetzen.

Hinweis: Dieser Beitrag bietet einen allgemeinen Überblick und ersetzt keine individuelle Finanz-, Anlage- oder Steuerberatung.

 

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