Bundesbank-Chef warnt Inflationrisiken nehmen zu
Geopolitik und politischer Druck können Preisstabilität wieder schwieriger machen.
Bundesbank-Präsident Joachim Nagel hat vor wachsenden Risiken für die Preisstabilität gewarnt. Seine Kernbotschaft ist weniger eine kurzfristige Prognose als ein struktureller Hinweis: Wenn geopolitische Spannungen zunehmen und die Unabhängigkeit von Notenbanken politisch angegriffen wird, steigt die Wahrscheinlichkeit höherer Inflation.
Nagel verbindet dabei zwei Entwicklungen, die sich gegenseitig verstärken können: eine fragmentiertere Weltwirtschaft und eine Geldpolitik, die unter stärkeren Druck gerät, fiskalische Ziele zu stützen.
Geopolitik als Preistreiber
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Geopolitische Rivalität wirkt nicht automatisch inflationär.
Sie erhöht aber die Wahrscheinlichkeit von Preisstößen. Handelshemmnisse, Sanktionen, Umleitungen von Lieferketten, höhere Sicherheits- und Verteidigungsausgaben sowie ein stärkerer Fokus auf „Resilienz“ statt reiner Kosteneffizienz können Produktionskosten steigen lassen.
Das Ergebnis ist oft keine gleichmäßige Teuerung, sondern höhere Inflationsvolatilität – also stärkere Ausschläge nach oben und unten.
Nagel hat genau diese Volatilität als eine zentrale Herausforderung der neuen geopolitischen Lage beschrieben.
Typisch ist dabei ein Mechanismus: Unternehmen halten mehr Lager, diversifizieren Zulieferer oder verlagern Produktion. Das reduziert Abhängigkeiten, ist aber teurer.
In einer großen Volkswirtschaft kann sich diese Kostenschicht in breiten Preisindizes wiederfinden, vor allem wenn Energie- oder Transportkosten gleichzeitig schwanken.
Politischer Druck und geldpolitische Glaubwürdigkeit
Der zweite Strang ist politischer Druck auf Zentralbanken. Nagel verwies ausdrücklich auf Angriffe auf die US-Notenbank und warnte vor einem Ansteckungseffekt: Wenn politischer Einfluss auf die Geldpolitik erfolgreich wäre, könnte das als „Blaupause“ dienen – auch in anderen Ländern.
Der Kern dahinter ist Glaubwürdigkeit. Geldpolitik wirkt stark über Erwartungen. Wenn Haushalte und Unternehmen annehmen, dass eine Zentralbank auch bei steigenden Preisen konsequent handelt, bleiben Lohn- und Preissetzung eher moderat. Wenn hingegen der Eindruck entsteht, dass fiskalische Ziele Vorrang bekommen, können Erwartungen schneller kippen. Dann reichen kleinere Schocks, um eine breitere Preis- und Lohnreaktion auszulösen.
Nagel betonte, die Unabhängigkeit der EZB sei im EU-Vertrag verankert, zugleich solle man nicht selbstzufrieden sein, weil die Weltwirtschaft eng verflochten bleibt.
Übertragung auf den Euroraum
Nagels Warnung zielt auf die Bedingungen, unter denen Inflation wieder wahrscheinlicher wird: eine konfliktreichere Weltwirtschaft mit häufigeren Kostenschocks und eine Geldpolitik, deren Unabhängigkeit politisch angegriffen wird."
Der Hinweis ist auch deshalb relevant, weil Inflation aktuell nicht nur von der Nachfrage abhängt. Selbst bei moderatem Wachstum können Angebots- und Kostenschocks dominieren. In den letzten Tagen hatte Nagel außerdem betont, dass kurzfristige Inflationsbewegungen die Geldpolitik nicht automatisch zu schnellen Reaktionen zwingen, solange mittelfristige Erwartungen stabil bleiben.
Damit entsteht ein Spannungsfeld: Die Notenbank muss kurzfristige Ausschläge „aushalten“ können, ohne ihren Auftrag zu verwässern. Genau an dieser Stelle wird Unabhängigkeit zur wirtschaftlichen Ressource.
Signale, die Aufmerksamkeit verdienen
Praktisch lässt sich das Risiko „Inflation kommt zurück“ nicht an einer Kennzahl festmachen. Sinnvoll ist eher ein Blick auf mehrere Indikatoren, die zusammen ein Bild ergeben:
- Energie- und Transportkosten: nicht nur das Niveau, sondern die Schwankungsbreite.
- Lohnentwicklung in Dienstleistungen: weil sie träge ist und sich lange fortsetzen kann.
- Politische Eingriffe in Notenbankmandate: formell oder informell, auch über Personalentscheidungen.
- Handels- und Sanktionsdynamik: neue Zölle, Exportkontrollen, Gegensanktionen.
- Inflationserwartungen: Umfragen, Markterwartungen, aber auch Preis- und Lohnforderungen im Alltag.
Fazit
Nagels Warnung zielt auf die Bedingungen, unter denen Inflation wieder wahrscheinlicher wird: eine konfliktreichere Weltwirtschaft mit häufigeren Kostenschocks und eine Geldpolitik, deren Unabhängigkeit politisch angegriffen wird. In diesem Umfeld reicht es nicht, dass Inflation heute niedriger ist. Entscheidend ist, ob Institutionen stabil bleiben und ob Erwartungen verankert bleiben. Genau deshalb ist die Debatte über Notenbankunabhängigkeit nicht nur juristisch, sondern ökonomisch.












