Eine gute Aktienstrategie betrachtet nicht nur vergangene Gewinner

Comeback Value und Dividenden

Sektorrotation, Marktkonzentration und die Suche nach robusteren Aktienbausteinen.

Value-Aktien und dividendenstarke Titel standen lange im Schatten großer Wachstumswerte. Vor allem Technologieaktien haben die globalen Aktienmärkte über Jahre geprägt. Künstliche Intelligenz, Plattformmodelle und hohe Gewinnzuwächse sorgten dafür, dass viele Anleger stark auf wenige große Unternehmen setzten.

Tilmann Galler, Kapitalmarktstratege bei J.P. Morgan Asset Management, sieht nun Anzeichen für eine Sektorrotation. Veränderte Makrobedingungen, höhere Zinsen, geopolitische Unsicherheit und Zweifel an der Rentabilität gewaltiger KI-Investitionen könnten dazu führen, dass Value- und Dividendenaktien wieder stärker gefragt sind. J.P. Morgan AM verweist darauf, dass dividendenstarke und niedrig bewertete Aktien von einigen Risiken weniger stark betroffen erscheinen als stark konzentrierte Wachstumssegmente.

Skepsis gegenüber dem Technologieboom

Ein zentraler Punkt ist die Frage, ob die enormen Investitionen in künstliche Intelligenz künftig ausreichende Erträge liefern. Viele große Technologieunternehmen investieren Milliardenbeträge in Rechenzentren, Chips, Infrastruktur und Software. Solange die Gewinne stark wachsen, wird das am Markt akzeptiert. Wenn jedoch Zweifel an der späteren Rentabilität entstehen, können hohe Bewertungen empfindlich reagieren.

Galler beschreibt diesen Punkt klar: Die größten Aktien seien nicht mehr automatisch die besten. Gemeint ist nicht, dass große Technologieunternehmen grundsätzlich schwach wären. Viele von ihnen verdienen weiterhin hervorragend. Die Frage lautet eher, ob die Erwartungen bereits zu hoch geworden sind.

Gerade für normale Anleger ist diese Unterscheidung wichtig. Ein gutes Unternehmen ist nicht automatisch eine gute Aktie, wenn der Preis sehr hoch ist. Value-Aktien setzen genau hier an. Sie stehen für Unternehmen mit niedrigeren Bewertungen, oft aus klassischen Branchen wie Industrie, Energie, Grundstoffe, Versorger oder Finanzwerte.

Makrotrends stützen klassische Sektoren

Neben der Technologieskepsis sieht Galler weitere Treiber. Die expansive Fiskalpolitik in den USA und Europa kann Nachfrage außerhalb des Technologiesektors erzeugen. Infrastrukturprogramme, Verteidigungsausgaben, Energieinvestitionen und der Ausbau von KI-Infrastruktur benötigen reale Güter, Energie, Materialien, Netze und industrielle Kapazitäten.

Davon können klassische Value-Sektoren profitieren:

  • Industrieunternehmen durch Infrastruktur- und Rüstungsinvestitionen
  • Grundstoffunternehmen durch Nachfrage nach Materialien und Rohstoffen
  • Versorger durch Energieerzeugung und Netzausbau
  • Energiewerte durch geopolitische Spannungen und höhere Ölpreise
  • Finanzwerte durch höhere Zinsen und breitere Kapitalmarktaktivität

Diese Branchen wirken weniger spektakulär als Technologie. Sie können aber in bestimmten Marktphasen stabilere Erträge liefern und stärker von realwirtschaftlichen Investitionen profitieren.

Dividenden und Streuung als Stabilitätsfaktor

Eine gute Aktienstrategie betrachtet nicht nur vergangene Gewinner. Sie prüft, welche Erwartungen bereits eingepreist sind, welche Sektoren von neuen Investitionszyklen profitieren könnten und ob die Streuung im Depot ausreichend ist. Value und Dividenden sind deshalb kein nostalgischer Rückgriff auf alte Börsenregeln. Sie können ein sachlicher Baustein sein, wenn Märkte wieder stärker zwischen Preis, Qualität und Ertrag unterscheiden."

Ein weiterer Aspekt ist die Risikostreuung. Der Technologieboom hat zu hoher Marktkonzentration geführt. Nach Angaben von J.P. Morgan AM lag das Gewicht der zehn größten Titel im MSCI World Growth Ende März 2026 bei 48 Prozent. Beim MSCI World Value waren es nur 17 Prozent, beim High-Dividend-Segment 21 Prozent.

Diese Zahlen zeigen ein wichtiges Risiko. Wer breit in globale Wachstumsindizes investiert, kann stärker von wenigen großen Titeln abhängig sein, als es auf den ersten Blick erscheint. Value- und Dividendenstrategien können hier einen Gegenpol bilden. Sie verteilen das Kapital häufig breiter und setzen stärker auf laufende Erträge.

Dividenden sind dabei keine Garantie für Sicherheit. Unternehmen können Ausschüttungen kürzen oder streichen. Trotzdem können regelmäßige Dividenden einen Beitrag zur Gesamtrendite leisten und Anlegern helfen, schwächere Marktphasen ruhiger einzuordnen.

Fazit: Comeback mit nüchterner Prüfung

Value- und Dividendenaktien könnten in einem Umfeld höherer Zinsen, großer Technologieinvestitionen und zunehmender Marktkonzentration wieder wichtiger werden. Sie bieten keine einfache Lösung, aber eine andere Gewichtung im Aktienmarkt. Statt allein auf Wachstum und hohe Erwartungen zu setzen, rücken Bewertung, laufende Erträge und reale Geschäftsmodelle stärker in den Vordergrund.

Für normale Anleger ist die Botschaft nicht, Technologieaktien vollständig zu meiden. Vielmehr geht es um Balance. Wenn ein Depot stark von wenigen großen Wachstumswerten abhängt, kann eine stärkere Beimischung von Value- und Dividendentiteln die Struktur robuster machen.

Eine gute Aktienstrategie betrachtet nicht nur vergangene Gewinner. Sie prüft, welche Erwartungen bereits eingepreist sind, welche Sektoren von neuen Investitionszyklen profitieren könnten und ob die Streuung im Depot ausreichend ist. Value und Dividenden sind deshalb kein nostalgischer Rückgriff auf alte Börsenregeln. Sie können ein sachlicher Baustein sein, wenn Märkte wieder stärker zwischen Preis, Qualität und Ertrag unterscheiden.