Ein Rückgang amerikanischer Technologieaktien wäre keineswegs nur ein amerikanisches Problem

Ungewöhnlich zugespitzt EZB warnt vor US-Tech-Crash

Warnungen vor hohen Bewertungen bei amerikanischen Technologieaktien sind nicht neu. Ungewöhnlich ist diesmal jedoch, von wem sie kommen und wie deutlich sie formuliert werden.

Fünf Ökonomen der Europäischen Zentralbank (EZB) halten eine merkbare Korrektur der aktuellen Bewertungen für "wahrscheinlich". Entscheidend ist dabei nicht nur das Verlustrisiko für Besitzer von US-Techaktien. Ein größerer Rückschlag könnte über mehrere Kanäle auch Europas Finanzmärkte und Realwirtschaft treffen.

Keine offizielle Warnung der EZB

Zunächst ist eine wichtige Einordnung notwendig. Der gemeinsam veröffentlichte Beitrag ist weder ein Beschluss des EZB-Rats noch Bestandteil einer geldpolitischen Prognose. Die Autoren weisen ausdrücklich darauf hin, dass ihre Analyse nicht zwingend die offizielle Position der Europäischen Zentralbank wiedergibt.

Dass sich Ökonomen der EZB mit Risiken an den amerikanischen Aktienmärkten beschäftigen, ist dennoch folgerichtig. Finanzmärkte sind international eng verflochten. Entwicklungen in den USA können sich deshalb schnell auf Banken, Versicherer, Investmentfonds und private Haushalte im Euroraum übertragen.

Bemerkenswert ist vor allem die Wortwahl. Üblicherweise sprechen Zentralbanken davon, dass Märkte "hoch bewertet" oder "anfällig für eine Korrektur" seien. Die Aussage, eine Korrektur sei wahrscheinlich, geht deutlich weiter.

Parallelen zu früheren Technologiebooms

Die Autoren stellen die aktuelle Begeisterung um künstliche Intelligenz in eine längere historische Entwicklung. Vergleichbare Phasen gab es bereits bei großen technologischen Umbrüchen:

  • dem Eisenbahnboom des 19. Jahrhunderts,
  • Elektrizität und Radio in den 1920er-Jahren,
  • Internet und Dotcom-Boom in den 1990er-Jahren.

Der entscheidende Punkt: Eine Technologie kann wirtschaftlich tatsächlich revolutionär sein und ihre Aktien können trotzdem zeitweise viel zu teuer werden.

Genau dies macht die Diskussion um KI-Unternehmen kompliziert. Es muss keine "Blase" im klassischen Sinne vorliegen, bei der Investoren vollkommen unrealistische Erwartungen besitzen. Auch grundsätzlich nachvollziehbare Zukunftserwartungen können zu Bewertungen führen, die später deutlich korrigieren.

Als Warnsignal nennen die Ökonomen unter anderem das US-CAPE (langfristig geglättetes Kurs-Gewinn-Verhältnis), das sich historischen Extremwerten angenähert hat.

Europas Anleger sind unmittelbar betroffen

Ein Rückgang amerikanischer Technologieaktien wäre keineswegs nur ein amerikanisches Problem. Haushalte im Euroraum sollen nach der Analyse rund 440 Milliarden Euro in den sogenannten Magnificent Seven (sieben besonders große US-Technologiekonzerne) investiert haben. Eine ähnlich große Größenordnung entfällt demnach auf Versicherungen und Pensionsfonds.

Ein Teil dieses Engagements entsteht indirekt. Wer einen globalen oder amerikanischen Aktienindex über einen ETF hält, besitzt aufgrund der hohen Marktkapitalisierung (Börsenwert eines Unternehmens) automatisch erhebliche Anteile dieser Konzerne.

Damit könnte ein deutlicher Kursrückgang gleich mehrere Wirkungen entfalten:

  • direkte Wertverluste in privaten und institutionellen Portfolios,
  • sinkende Risikobereitschaft an Aktien- und Kreditmärkten,
  • steigende Finanzierungskosten und mögliche Mittelabflüsse aus Fonds.

Besonders kritisch wären solche Zweitrundeneffekte. Fallen zunächst nur Aktienkurse, ist dies für langfristig investierte Anleger grundsätzlich verkraftbar. Wenn daraus jedoch ein allgemeines "Risk-off" (Flucht aus risikoreichen Anlagen) entsteht, können auch Unternehmensanleihen, europäische Aktien und andere Anlageklassen unter Druck geraten.

Der kleinere europäische Technologiesektor schützt nur teilweise

Das größte Risiko liegt möglicherweise weniger in der Frage, ob einzelne US-Technologieaktien tatsächlich überbewertet sind. Bedeutender ist die enorme Konzentration dieser Unternehmen in internationalen Portfolios und Indizes. Ein kräftiger Rückgang könnte dadurch weit über den Technologiesektor hinauswirken."

Europa besitzt keinen Technologiesektor mit vergleichbarer Größe und Bewertung wie die USA. Dadurch ist das Risiko einer selbst erzeugten europäischen KI-Börsenblase geringer.

Dieser Vorteil schützt jedoch nur begrenzt. US- und europäische Aktienmärkte bewegen sich in Stressphasen häufig in dieselbe Richtung. Hinzu kommen die umfangreichen internationalen Anlagen europäischer Haushalte, Versicherer und Pensionsfonds.

Ein starker Rückgang könnte deshalb über Vermögensverluste hinausgehen. Sinkendes Vertrauen könnte Konsum und Investitionen belasten. Gleichzeitig könnten sich Finanzierungsbedingungen verschlechtern und damit Unternehmen bremsen.

Fazit

Die Analyse der fünf EZB-Ökonomen ist keine offizielle Crash-Prognose der Europäischen Zentralbank. Ihre ungewöhnlich deutliche Formulierung sollte dennoch aufmerksam machen.

Das größte Risiko liegt dabei möglicherweise weniger in der Frage, ob einzelne US-Technologieaktien tatsächlich überbewertet sind. Bedeutender ist die enorme Konzentration dieser Unternehmen in internationalen Portfolios und Indizes. Ein kräftiger Rückgang könnte dadurch weit über den Technologiesektor hinauswirken.

Für langfristig Investierende bedeutet das nicht automatisch, US-Techaktien zu verkaufen. Es ist jedoch ein guter Anlass, die eigene Diversifikation (Verteilung des Vermögens auf unterschiedliche Anlagen und Risiken) zu überprüfen und darauf zu achten, ob wenige sehr große Unternehmen inzwischen einen übermäßig hohen Anteil des Portfolios bestimmen.