Besser entscheiden Jüngste Vergangenheit zählt

Recency Bias: warum aktuelle Erfahrungen die Erwartungen an die Zukunft verzerren.

Nach mehreren Jahren steigender Aktienkurse erscheint die Börse plötzlich vergleichsweise ungefährlich. Nach einem starken Einbruch kann dagegen der Eindruck entstehen, dass Aktien grundsätzlich kaum kalkulierbar sind. In beiden Fällen beeinflussen vor allem die jüngsten Erfahrungen die Einschätzung der Zukunft. Die Behavioral Finance (verhaltensorientierte Finanzforschung) bezeichnet dieses Phänomen als Recency Bias (Übergewichtung besonders aktueller Informationen und Erfahrungen).

Was gerade passiert ist, bleibt besonders präsent. Deshalb neigen Menschen dazu, jüngste Entwicklungen gedanklich fortzuschreiben. An den Finanzmärkten kann das dazu führen, dass Risiken nach guten Jahren unterschätzt und Chancen nach schlechten Jahren übersehen werden.

Steigende Kurse verändern die Wahrnehmung

Angenommen, ein Aktienmarkt steigt über mehrere Jahre nahezu kontinuierlich. Rückschläge fallen kurz aus und werden schnell wieder aufgeholt. Wer diese Phase erlebt, gewöhnt sich unmerklich an steigende Depotwerte.

Nach einiger Zeit verändert sich häufig die Erwartung. Zweistellige Jahresrenditen wirken nicht mehr außergewöhnlich, sondern beinahe normal. Gleichzeitig sinkt die gefühlte Wahrscheinlichkeit eines größeren Rückgangs.

Gerade dann kann die Bereitschaft wachsen, höhere Risiken einzugehen. Die Aktienquote wird erhöht, einzelne besonders erfolgreiche Branchen werden stärker gewichtet oder zusätzliche Beträge investiert, weil die jüngsten Erfahrungen Sicherheit vermitteln.

Dabei wird leicht vergessen, dass einige gute Jahre wenig darüber aussagen, wie sich die nächsten Jahre entwickeln werden.

Nach einem Einbruch passiert das Gegenteil

Der gleiche Mechanismus wirkt nach starken Kursverlusten in umgekehrter Richtung. Wer innerhalb weniger Monate beispielsweise 30 Prozent seines Aktienvermögens verloren hat, erlebt das Risiko unmittelbar. Selbst wenn der Anlagehorizont noch viele Jahre beträgt, können Aktien anschließend dauerhaft gefährlicher erscheinen als zuvor.

Typische Folgen des Recency Bias sind:

  • nach starken Kurssteigerungen werden weitere Gewinne als besonders wahrscheinlich angesehen,
  • nach einem Börsencrash werden langfristige Risiken überschätzt,
  • zuletzt erfolgreiche Anlageklassen werden stärker gewichtet,
  • schwach gelaufene Märkte werden gemieden, obwohl ihre Bewertungen inzwischen attraktiver sein können.

Das Entscheidende ist dabei nicht, dass aktuelle Informationen unwichtig wären. Im Gegenteil: Neue Entwicklungen müssen berücksichtigt werden. Problematisch wird es erst, wenn die jüngste Vergangenheit unverhältnismäßig viel Gewicht erhält.

Auch Zinsen und Immobilien beeinflussen Erwartungen

Recency Bias beschränkt sich nicht auf Aktien. Über viele Jahre niedrige Zinsen können beispielsweise den Eindruck entstehen lassen, günstige Kredite seien der Normalzustand. Steigen die Finanzierungskosten anschließend deutlich, wirkt das neue Niveau ungewöhnlich hoch - selbst wenn es langfristig betrachtet keineswegs außergewöhnlich sein muss.

Gute Jahre machen Märkte nicht dauerhaft sicher, schlechte Jahre machen sie nicht dauerhaft unattraktiv. Wer längere Zeiträume betrachtet und kurzfristige Erfahrungen in einen größeren Zusammenhang einordnet, reduziert die Gefahr, genau dann besonders optimistisch oder pessimistisch zu werden, wenn die jüngste Entwicklung bereits viel davon vorweggenommen hat."

Ähnlich funktioniert es bei Immobilien. Wer jahrelang kräftige Preissteigerungen erlebt hat, kann daraus ableiten, dass Häuser und Wohnungen fast zwangsläufig an Wert gewinnen. Nach einer längeren Phase sinkender Preise entsteht womöglich das gegenteilige Bild.

Die jüngste Entwicklung wird jeweils zum Maßstab für die Zukunft.

Längere Zeiträume schaffen Perspektive

Ein wirksames Gegenmittel besteht darin, den betrachteten Zeitraum bewusst zu verlängern. Statt nur die letzten zwölf Monate anzusehen, kann die Entwicklung über zehn, zwanzig oder mehr Jahre betrachtet werden. Dabei werden meist sehr unterschiedliche Marktphasen sichtbar.

Hilfreich ist außerdem, die eigene Strategie nicht ständig an die jüngsten Ergebnisse anzupassen. Wer beispielsweise eine langfristig passende Aufteilung zwischen Aktien, Anleihen und Liquidität festgelegt hat, sollte diese nicht allein deshalb verändern, weil eine Anlageklasse gerade besonders gut oder schlecht gelaufen ist.

Auch eine einfache Frage kann helfen:

Würde ich dieselbe Entwicklung erwarten, wenn die vergangenen zwölf Monate anders verlaufen wären?

Ist die Antwort nein, beeinflusst die jüngste Erfahrung die Einschätzung möglicherweise stärker als gedacht.

Fazit

Die jüngste Vergangenheit fühlt sich besonders relevant an, weil sie noch unmittelbar präsent ist. Für langfristige Finanzentscheidungen ist sie jedoch nur ein kleiner Ausschnitt.

Gute Jahre machen Märkte nicht dauerhaft sicher, schlechte Jahre machen sie nicht dauerhaft unattraktiv. Wer längere Zeiträume betrachtet und kurzfristige Erfahrungen in einen größeren Zusammenhang einordnet, reduziert die Gefahr, genau dann besonders optimistisch oder pessimistisch zu werden, wenn die jüngste Entwicklung bereits viel davon vorweggenommen hat.

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