Eigentlich gehört der norwegische Staatsfonds zu den breitesten Portfolios der Welt

Mehrere Risiken Norwegens Staatsfondschef warnt

Norwegens Staatsfonds hat im ersten Halbjahr einen Rekordgewinn erzielt.

Doch ausgerechnet nach dieser außergewöhnlich starken Entwicklung mahnt Fondschef Nicolai Tangen zur Vorsicht. Hohe Bewertungen bei KI-Aktien, geopolitische Spannungen und vor allem die zunehmende Konzentration auf wenige große Technologieunternehmen könnten bei einer größeren Korrektur erhebliche Auswirkungen haben.

Rekordgewinn erhöht die Fallhöhe

Der rund 2,3 Billionen US-Dollar schwere norwegische Staatsfonds meldete für das erste Halbjahr einen Gewinn von rund 1,4 Billionen norwegischen Kronen beziehungsweise etwa 150 Milliarden US-Dollar. Wesentlichen Anteil daran hatten die starken Kursgewinne großer internationaler Technologieunternehmen.

Nicolai Tangen, CEO von Norges Bank Investment Management (NBIM), ordnet das Ergebnis entsprechend nüchtern ein. Nach einer solchen Rally werde man zwangsläufig vorsichtiger. Besonders aufmerksam beobachtet er derzeit drei Bereiche:

  • hohe Bewertungen bei Unternehmen rund um künstliche Intelligenz,
  • geopolitische Konflikte und mögliche Handelsbeschränkungen,
  • eine außergewöhnlich starke Konzentration auf wenige Großunternehmen.

Gerade der letzte Punkt ist bemerkenswert. Nach Tangens Angaben machen die zehn größten Positionen inzwischen fast ein Viertel des gesamten Fondsvermögens aus. Ein derartiges Konzentrationsrisiko (starke Abhängigkeit von wenigen einzelnen Anlagen) habe der Fonds in dieser Form bislang nicht erlebt.

KI-Boom schafft neue Abhängigkeiten

Der Fonds profitiert erheblich von der technologischen Entwicklung. Gleichzeitig wächst damit seine Abhängigkeit von genau jenen Unternehmen, deren Bewertungen zunehmend diskutiert werden.

Tangen verweist zudem auf sogenannte zirkuläre Finanzierungen. Gemeint sind Kapitalströme, bei denen Unternehmen innerhalb eines technologischen Ökosystems gegenseitig investieren, Leistungen beziehen oder Finanzierungen ermöglichen. Dadurch kann zusätzliches Wachstum entstehen - allerdings auch eine stärkere Vernetzung der Risiken.

Sollte sich herausstellen, dass ein Teil der Erwartungen an künstliche Intelligenz zu optimistisch war, könnten mehrere Unternehmen gleichzeitig unter Druck geraten.

Der Staatsfonds hat selbst Szenarien berechnet, die das Ausmaß verdeutlichen. Ein Platzen einer KI-Blase könnte demnach theoretisch einen Wertverlust von bis zu 35 Prozent verursachen.

Geopolitik könnte noch größere Verluste auslösen

Für private Investierende bedeutet das nicht, Technologieaktien grundsätzlich zu meiden. Sinnvoll ist jedoch ein Blick hinter die Bezeichnung "weltweit diversifiziert". Entscheidend ist nicht nur die Zahl der enthaltenen Aktien, sondern auch, wie stark einzelne Unternehmen tatsächlich gewichtet sind. Genau dort entsteht derzeit ein Risiko, das selbst der größte Staatsfonds der Welt sehr ernst nimmt."

Mindestens ebenso ernst nimmt NBIM politische Risiken. Investitionsbeschränkungen, Handelskonflikte und drastisch steigende Zölle könnten internationale Kapitalströme erheblich verändern.

In einem entsprechenden Stressszenario könnten geopolitische Verwerfungen den Fondswert um bis zu 37 Prozent reduzieren.

Solche Zahlen sind keine Prognosen. Stresstests (Modellrechnungen für besonders ungünstige Entwicklungen) sollen vielmehr zeigen, welchen Belastungen ein Portfolio theoretisch standhalten müsste.

Tangen nutzt die Ergebnisse auch, um Erwartungen in Norwegen zu dämpfen. Nach Jahren enormer Vermögenszuwächse sei es wichtig, der Bevölkerung klarzumachen, dass auch ein riesiger und breit gestreuter Staatsfonds erhebliche Verluste erleiden könne.

Diversifikation stößt an Grenzen

Eigentlich gehört der norwegische Staatsfonds zu den breitesten Portfolios der Welt. Er hält rund 1,5 Prozent aller weltweit börsennotierten Unternehmen und investiert außerdem in Anleihen, Immobilien sowie Infrastruktur für erneuerbare Energien.

Trotzdem entsteht ein Konzentrationsproblem. Ursache ist unter anderem die enorme Marktkapitalisierung (Börsenwert eines Unternehmens) weniger US-Technologiekonzerne. Wer einen kapitalisierungsgewichteten Weltindex abbildet, investiert automatisch besonders stark in die größten Unternehmen.

Der Fonds kann dieses Problem nur begrenzt umgehen. Seine Anlagestrategie orientiert sich an einem vom norwegischen Finanzministerium vorgegebenen Referenzindex, sodass der Spielraum für große aktive Abweichungen eingeschränkt ist.

Fazit

Die Warnung aus Norwegen zeigt ein grundsätzliches Problem der heutigen Aktienmärkte. Ein Portfolio kann auf Tausende Unternehmen verteilt sein und trotzdem stark von wenigen sehr großen Konzernen abhängen.

Für private Investierende bedeutet das nicht, Technologieaktien grundsätzlich zu meiden. Sinnvoll ist jedoch ein Blick hinter die Bezeichnung "weltweit diversifiziert". Entscheidend ist nicht nur die Zahl der enthaltenen Aktien, sondern auch, wie stark einzelne Unternehmen tatsächlich gewichtet sind. Genau dort entsteht derzeit ein Risiko, das selbst der größte Staatsfonds der Welt sehr ernst nimmt.

 

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