Wirtschaftsdenker: Byung-Chul Han (geb. 1959) Müdigkeitsgesellschaft
Erschöpfung als Strukturphänomen moderner Leistungssysteme.
Die "Müdigkeitsgesellschaft" beschreibt eine Kultur, in der permanente Selbstoptimierung zu Erschöpfung führt. Byung-Chul Han analysiert eine Gesellschaft, die sich nicht mehr durch äußeren Zwang, sondern durch inneren Leistungsdruck erschöpft. Menschen sollen ständig produktiv, erreichbar und flexibel sein. Dabei verschwimmen Grenzen zwischen Arbeit und Leben. Die Müdigkeit wird zum Ausdruck einer Struktur, die Effizienz fordert, aber Orientierung verliert. Han zeigt: Erschöpfung ist kein individuelles Versagen, sondern eine systemische Folge moderner Leistungslogiken. Weitere Aphorismen und Konzepte sind hier.
Der Diagnostiker der Gegenwart: Byung-Chul Han
Han untersucht gesellschaftliche Entwicklung nicht durch ökonomische Modelle, sondern durch kulturelle Muster. Sein Ausgangspunkt ist die Frage, wie Macht in modernen Gesellschaften wirkt. Während frühere Ordnungen durch äußeren Druck funktionierten, entsteht heute eine Form freiwilliger Selbstausbeutung. Menschen treiben sich selbst an - aus Angst vor Rückstand, aus Streben nach Anerkennung, aus innerem Anspruch.
Überforderung entsteht aus innerem Druck, nicht aus äußerem Zwang."
Seine Diagnose ist präzise: Das "Ich" wird nicht unterdrückt, sondern überfordert. Produktivität wird zur moralischen Pflicht. Die Folge ist ein Zustand tiefer Ermüdung, der nicht durch Schlaf, sondern durch strukturelle Veränderung gelöst werden kann. Han zeigt damit eine andere Seite moderner Ökonomie: den Preis permanenter Leistungsbereitschaft.
Kernprinzip: Erschöpfung durch Übermaß an Freiheit
Hans Analyse basiert auf einem paradoxen Mechanismus. Moderne Gesellschaften bieten Freiheiten, die zugleich überfordern. Der Einzelne soll entscheiden, gestalten, optimieren - und trägt die Verantwortung für Erfolg wie für Scheitern.
Eine prägnante Verdichtung lautet:
- Leistung wird zur Identität, nicht nur zur Tätigkeit.
- Freiheit erzeugt Druck, wenn sie unbegrenzt erscheint.
- Erschöpfung entsteht aus struktureller Überforderung, nicht aus Schwäche.
Damit richtet Han den Blick auf psychologische Kosten einer Ökonomie, die stetige Steigerung verlangt.
Relevanz für Arbeitswelt, Organisationen und Wirtschaft
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Die Müdigkeitsgesellschaft hat direkte wirtschaftliche Folgen. Organisationen erwarten kontinuierliche Leistungssteigerung, Innovation und Anpassung. Gleichzeitig steigen Anforderungen an Selbstorganisation und Eigenverantwortung. Diese Kultur erzeugt Engagement - aber auch Burn-out, Fluktuation und sinkende Kreativität.
In digitalen Arbeitsumgebungen verstärkt sich das Phänomen. Permanente Erreichbarkeit, Beschleunigung und Informationsdruck lassen Ruhephasen schrumpfen. Selbstoptimierung wird zum Standard, nicht zur Ausnahme. Unternehmen erkennen zunehmend, dass Erschöpfung die Leistungsfähigkeit untergräbt und psychische Gesundheit eine zentrale Ressource ist.
Volkswirtschaftlich betrachtet beeinflusst Hans Analyse auch die Frage nach nachhaltigem Wachstum. Wenn Produktivität vor allem durch Intensivierung statt durch Innovation entsteht, steigen Kosten an anderer Stelle: Gesundheitssysteme, Motivation, gesellschaftliche Teilhabe. Die Müdigkeitsgesellschaft ist damit ein Hinweis auf strukturelle Grenzen eines Wachstumsmodells, das auf stetiger Aktivierung des Einzelnen beruht.
Fazit
Byung-Chul Han beschreibt die Müdigkeit nicht als individuelles Problem, sondern als Ausdruck eines Systems, das Überforderung strukturell produziert. Seine Diagnose zeigt die Schattenseite einer Kultur, die Freiheit und Selbstoptimierung idealisiert. Erschöpfung wird so zum gesellschaftlichen Signal.
Merksätze:
- Überforderung entsteht aus innerem Druck, nicht aus äußerem Zwang.
- Leistungssteigerung ohne Grenzen führt zu struktureller Erschöpfung.
- Stabilität braucht Pausen, nicht nur Produktivität.
Erst der Mensch, dann das Geschäft










