Finanzlexikon Selbstüberschätzung und Kontrollillusion
Anlegerpsychologie: Overconfidence als struktureller Risikofaktor.
Selbstüberschätzung ist eines der fundiertesten Erkenntnisse der Verhaltensökonomie. Overconfidence bezeichnet die systematische Überschätzung der eigenen Fähigkeiten, Informationen oder Prognosekraft. Eng verbunden ist die Kontrollillusion (Illusion of Control = Überschätzung des eigenen Einflusses auf zufällige Ereignisse). An Finanzmärkten wirkt beides besonders stark, weil Entscheidungen unter Unsicherheit getroffen werden und deren Auswirkungen in Form von Kursgewinnen oder -verlusten unmittelbar sichtbar sind.
Mehr Aktivität, geringere Nettorendite
Overconfidence wirkt als struktureller Risikofaktor. Sie erhöht Handelsaktivität, Kosten und Konzentrationsrisiken. Kurzfristige Erfolge stabilisieren die Wahrnehmung eigener Kompetenz, auch wenn sie teilweise zufällig entstanden sind."
In positiven Marktphasen entsteht leicht der Eindruck, Entwicklungen richtig eingeschätzt zu haben. Zufällige Gewinne werden als Bestätigung eigener Kompetenz interpretiert. Diese Wahrnehmung führt häufig zu höherer Handelsaktivität. Empirische Untersuchungen zeigen jedoch einen stabilen Zusammenhang: Je häufiger Privatanleger handeln, desto geringer fällt ihre langfristige Nettorendite aus. Transaktionskosten, Spreads und Timing-Fehler summieren sich.
Typische Folgen von Overconfidence sind:
- erhöhte Handelsfrequenz und kürzere Haltedauer
- stärkere Konzentration auf „Überzeugungswerte“
- geringere Diversifikation
- Unterschätzung von Extremrisiken
Zwischen 2020 und 2021 nahm die Zahl aktiver Privatanleger deutlich zu. Digitale Handelsplattformen senkten Zugangshürden. In einem Umfeld steigender Kurse verstärkte sich der Eindruck eigener Prognosefähigkeit. Als sich 2022 das Zinsumfeld änderte, zeigte sich, dass kurzfristiger Erfolg nicht gleichbedeutend mit nachhaltiger Kompetenz ist.
Konzentrationsrisiken und Indexmechanik
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Overconfidence beeinflusst nicht nur die Aktivität, sondern auch die Struktur von Portfolios. Anleger gewichten einzelne Titel überdurchschnittlich stark, wenn sie von deren Entwicklung überzeugt sind.
In Phasen, in denen wenige große Unternehmen den Markt treiben, verstärkt sich dieser Effekt. Der S&P 500 ist kapitalgewichtet, das heißt: Unternehmen mit höherem Börsenwert haben größeren Einfluss auf die Gesamtentwicklung. Wer zusätzlich auf diese Schwergewichte setzt, erhöht das Klumpenrisiko.
Der Rückschaufehler (Hindsight Bias = Ereignisse erscheinen im Nachhinein vorhersehbarer als sie waren) stabilisiert Overconfidence.
Gewinne werden der eigenen Analyse zugeschrieben, Verluste äußeren Umständen. Dadurch bleibt das Selbstbild intakt und fördert erneute Risikobereitschaft.
Zyklische Verstärkung
Selbstüberschätzung ist zyklisch. In längeren Aufschwungphasen steigt sie an, in deutlichen Korrekturen wird sie relativiert. Diese Pendelbewegung erklärt, warum Handelsaktivität und Risikoneigung in Haussephasen regelmäßig zunehmen. Overconfidence ist damit weniger eine Charakterfrage als eine situative Reaktion auf Marktumfelder.
Fazit
Overconfidence wirkt als struktureller Risikofaktor. Sie erhöht Handelsaktivität, Kosten und Konzentrationsrisiken. Kurzfristige Erfolge stabilisieren die Wahrnehmung eigener Kompetenz, auch wenn sie teilweise zufällig entstanden sind. In Verbindung mit kapitalgewichteten Indizes kann Selbstüberschätzung zu überproportionaler Exponierung gegenüber dominanten Marktsegmenten führen. Ein klar definierter Anlageprozess, feste Diversifikationsregeln und disziplinierte Rebalancing-Mechanismen helfen, die Wirkung dieses psychologischen Effekts zu begrenzen und langfristige Renditeeinbußen zu vermeiden.
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