Die liberale Gesellschaftsordnung ist derzeit nicht in Gefahr

Soziologe Andres Reckwitz Es wird nichts wirklich anders, aber klarer

Andreas Reckwitz ist ein bekannter deutscher Soziologe, der an der Berliner Humboldt-Universität lehrt. In einem Interview mit der Zeitung WELT hat der Wissenschaftler jetzt Stellung zu einigen aktuellen gesellschaftlichen Fragen, aber auch zu grundlegenden Entwicklungen bezogen.

In dem Gespräch ging es auch um Auswirkungen von Corona auf die Gesellschaft. Hier ist Reckwitz eher skeptisch. Die anfangs gehegte Erwartung, die Pandemie-Erfahrung könne zu mehr gesellschaftlichem Zusammenhalt führen, habe sich nicht bestätigt. Ebenso wenig seien durch Corona grundlegende gesellschaftliche Veränderungen bewirkt worden, aber einige Entwicklungen träten jetzt krisenbedingt noch klarer hervor.

Aufspaltung der Gesellschaft ein normaler Prozess

Dazu gehört für Reckwitz die schon länger zu beobachtende Aufspaltung der Gesellschaft in Wissensarbeiter und einfache Dienstleister mit unterschiedlichen Lebens- und Arbeitswelten. Sie sei Begleiterscheinung eines tiefgreifenden Wandels von der industriellen Moderne zur Spätmoderne, der ab den 1980er Jahren eingesetzt habe. Mit ihm sei auch die Entwicklung von der klassischen Industriegesellschaft zur Wissensgesellschaft verbunden gewesen. Diese Aufspaltung habe zu neuen Konflikten und sozialen Verwerfungen geführt.

Wissensarbeiter bewegten sich oft in privilegierten Arbeits- und Lebensverhältnissen, während für einfache Dienstleistungen eher prekäre Beschäftigung typisch sei. Unter Druck geraten sei auch die klassische Mittelschicht, die zum Teil Bedeutungs- und Funktionsverluste habe hinnehmen müssen. Bis zu einem gewissen Grad sind für Reckwitz mit Aufstiegs- und Abstiegsprozessen verbundene Ungleichheiten sowie das Nebeneinander unterschiedlicher Lebensformen in einer Gesellschaft normal. Anomal seien eher die Verhältnisse in der alten Bundesrepublik gewesen, die durch eine vergleichsweise gleichförmige, geordnete und sozial egalitäre Gesellschaft gekennzeichnet gewesen sei.

Abschied vom neoliberalen Denken?

Trotz stärkerer Konflikte und Angriffe von unterschiedlichen Seiten sieht Redwitz die liberale Gesellschaftsordnung derzeit nicht in Gefahr. Allerdings stehe ein grundsätzlicher Paradigmen-Wechsel beim Verständnis von Liberalismus an. In den vergangenen Jahrzehnten sei der Begriff vor allem neoliberal geprägt gewesen.

Corona verstärkt die Aufspaltung der Gesellschaft in Wissensarbeiter und einfache Dienstleister mit unterschiedlichen Lebens- und Arbeitswelten."

Dem Staat sei dabei die Rolle des Deregulierers und Wettbewerbsförderers zugekommen. Das habe zu sehr viel Ungleichheit und sozialen Schieflagen geführt.

Ein neuer Liberalismus sollte seiner Meinung nach darauf gerichtet sein, ökonomische und soziale Errungenschaften vergangenener Dekaden zu bewahren und gleichzeitig mehr zu regulieren - für bessere Infrastruktur und Beseitigung von krassen Ungleichheiten. Die politische Herausforderung bestehe darin, eine Balance zwischen gesellschaftlicher Eigendynamik und Steuerung zu schaffen.

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