Bestandteil vieler Anlageportfolios Teure Unternehmensanleihen
Bond-Profi warnt vor zu niedrigen Renditeaufschlägen.
Unternehmensanleihen gelten für viele Investoren als wichtiger Bestandteil der Kapitalanlage. Sie bieten in der Regel höhere Renditen als Staatsanleihen, weil Anleger ein zusätzliches Risiko übernehmen. Dieses zusätzliche Risiko wird durch sogenannte Renditeaufschläge vergütet. Nach Einschätzung des Kapitalmarktanalysten Wade O’Brien von Cambridge Associates sind diese Aufschläge derzeit jedoch ungewöhnlich niedrig. Angesichts eines stark wachsenden Angebots an neuen Anleihen – insbesondere aus dem Umfeld der Künstlichen Intelligenz – könnten Anleger seiner Meinung nach für die übernommenen Risiken zu wenig entschädigt werden.
Wachstum der Anleiheemissionen
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Unternehmen finanzieren sich häufig über den Kapitalmarkt, indem sie Anleihen ausgeben. Dieser Vorgang wird als Emission bezeichnet. Dabei erhalten Investoren eine feste Verzinsung, während das Unternehmen im Gegenzug Kapital erhält.
Besonders stark wächst derzeit die Finanzierung im Technologiebereich. Große Technologieunternehmen und Infrastrukturbetreiber investieren massiv in Rechenzentren, Cloud-Infrastruktur und KI-Anwendungen. Diese Unternehmen werden häufig als Hyperscaler bezeichnet – große Technologieanbieter, die weltweite Rechenzentren und Cloudplattformen betreiben.
Analysten der Investmentbank Morgan Stanley erwarten deshalb einen deutlichen Anstieg der neuen Anleiheemissionen. Das sogenannte Bruttoangebot (Gesamtvolumen neu ausgegebener Anleihen in einem Jahr) bei US-Investment-Grade-Anleihen könnte 2026 auf etwa 2,25 Billionen US-Dollar steigen.
Investment-Grade-Anleihen sind Anleihen von Unternehmen mit vergleichsweise guter Kreditwürdigkeit. Ratingagenturen bewerten sie als relativ sichere Schuldner.
Ein wesentlicher Teil dieses Wachstums könnte aus Anleihen zur Finanzierung von Rechenzentren und digitaler Infrastruktur entstehen.
Renditeaufschläge als Risikoindikator
Der zentrale Kritikpunkt von Wade O’Brien betrifft die sogenannten Spreads.
Ein Spread ist der Renditeunterschied zwischen einer Unternehmensanleihe und einer als besonders sicher geltenden Staatsanleihe. Dieser Aufschlag soll Investoren für das zusätzliche Risiko entschädigen.
Nach Ansicht des Analysten sind diese Spreads derzeit historisch niedrig. Das bedeutet, dass Anleger für das Kreditrisiko vieler Unternehmen nur einen relativ kleinen zusätzlichen Zinsertrag erhalten.
Ein möglicher Grund könnte das große Interesse an Anleihen sein. Wenn viele Investoren Anleihen kaufen wollen, sinken die Renditen und damit auch die Risikoprämien.
Unsicherheiten bei KI-Investitionen
Unternehmensanleihen bleiben ein wichtiger Bestandteil vieler Anlageportfolios. Allerdings zeigen die aktuellen Entwicklungen am Kapitalmarkt, dass niedrige Renditeaufschläge nicht immer ausreichend für mögliche Risiken entschädigen."
O’Brien sieht zusätzlich ein strukturelles Risiko in der Finanzierung großer KI-Infrastrukturprojekte. Der Bau von Rechenzentren erfordert enorme Investitionen in Gebäude, Chips und Energieversorgung.
Ein mögliches Problem liegt in der unterschiedlichen Zeitstruktur von Investitionen und Finanzierung.
- Laufzeit einer Anleihe bezeichnet den Zeitraum bis zur vollständigen Rückzahlung des Kredits.
- Nutzungsdauer beschreibt, wie lange ein Vermögenswert wirtschaftlich sinnvoll eingesetzt werden kann.
Sollten technologische Fortschritte dazu führen, dass KI-Modelle effizienter arbeiten oder weniger Rechenleistung benötigen, könnten bestehende Rechenzentren schneller veralten als erwartet. In diesem Fall könnten die finanzierten Anlagen bereits überholt sein, bevor die dazu aufgenommenen Schulden vollständig zurückgezahlt sind.
Alternative Anleiheformen
Vor diesem Hintergrund empfiehlt O’Brien, das Kreditrisiko sorgfältig zu prüfen und möglicherweise alternative Anleiheformen zu berücksichtigen.
Ein Beispiel sind strukturierte Anleihen. Dabei handelt es sich um Wertpapiere, deren Rückzahlung durch bestimmte Vermögenswerte abgesichert ist.
Ein häufig genannter Typ sind hypothekenbesicherte Wertpapiere (Mortgage-Backed Securities). Diese Anleihen werden durch Immobilienkredite abgesichert. Wenn sie von staatlich unterstützten Institutionen garantiert werden, gelten sie häufig als vergleichsweise stabil.
Nach Ansicht des Analysten könnten solche Instrumente teilweise attraktiver sein als Unternehmensanleihen mit sehr niedrigen Renditeaufschlägen.
Fazit
Unternehmensanleihen bleiben ein wichtiger Bestandteil vieler Anlageportfolios. Allerdings zeigen die aktuellen Entwicklungen am Kapitalmarkt, dass niedrige Renditeaufschläge nicht immer ausreichend für mögliche Risiken entschädigen.
Besonders im Umfeld großer Technologie- und KI-Investitionen könnte das Angebot neuer Anleihen stark steigen. Gleichzeitig bleibt ungewiss, wie sich die wirtschaftliche Nutzung der finanzierten Infrastruktur langfristig entwickelt.
Für Investoren bedeutet das, die Risikoprämien am Anleihemarkt genau zu beobachten und unterschiedliche Anlageformen miteinander zu vergleichen. Nur so lässt sich beurteilen, ob die angebotenen Renditen tatsächlich dem übernommenen Risiko entsprechen.
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