Viele aktive ETFs bewegen sich derzeit nahe an ihrer Benchmark und liefern damit eher kontrollierte Variation als eigenständige Portfolios

Analyse Viele aktive ETFs kleben am Index

Der „aktiv“-Stempel ist oft kleiner als erwartet – messbar über Active Share und Tracking Error.

Aktive ETFs gelten als Brücke zwischen zwei Welten: die Handelbarkeit und Transparenz eines ETFs, kombiniert mit dem Anspruch aktiver Fonds, bessere Entscheidungen als der Markt zu treffen. Genau dieser Anspruch wird nun von einer Analyse von HQ Trust relativ nüchtern eingeordnet. Jan Tachtler, Leiter Fonds- und Managerselektion, hat rund 40 in Deutschland verfügbare aktive ETFs anhand zweier Kennzahlen untersucht: Active Share und Tracking Error. Das Ergebnis: Die Mehrheit weicht nur gering von der Benchmark ab – und wirkt damit eher indexnah als wirklich aktiv.

Was „Indexnähe“ hier bedeutet

Zwei Messgrößen sind in diesem Zusammenhang besonders hilfreich, weil sie das Verhalten eines Fonds greifbar machen.

Active Share beschreibt, wie stark sich ein Portfolio in seinen Beständen vom Vergleichsindex unterscheidet. Ein hoher Wert bedeutet: viele Abweichungen, also echte Auswahlentscheidungen. Ein niedriger Wert bedeutet: viele Überschneidungen mit dem Index.

Tracking Error misst, wie stark die Wertentwicklung im Zeitverlauf um die Benchmark schwankt. Ein niedriger Wert zeigt: Der Fonds läuft sehr eng am Index, Abweichungen sind klein. Ein höherer Wert zeigt: Das Ergebnis kann spürbar vom Index abweichen – nach oben oder nach unten.

In der Auswertung von HQ Trust liegen viele Produkte laut Tachtler bei Active Share unter 60 % und einem Tracking Error unter 2 %. Das ist ein Profil, das eher nach „Index plus kleine Abweichung“ aussieht als nach einem konzentrierten aktiven Ansatz.

Warum so viele aktive ETFs so vorsichtig agieren

Das wirkt auf den ersten Blick überraschend, weil „aktiv“ meist als Versprechen verstanden wird. In der Praxis gibt es aber gute Gründe, warum viele Anbieter zunächst nahe am Index bleiben.

Erstens ist der Markt jung. Viele aktive ETFs sind neu, und viele Anbieter möchten früh vor allem eines: nicht negativ auffallen. Indexnähe begrenzt das Risiko großer relativer Fehlentwicklungen.

Zweitens spielt Produktpositionierung eine Rolle. Ein ETF wird häufig als Baustein für breite Portfolios verkauft. In solchen Rollen ist starke Abweichung nicht immer gewünscht, sondern eher kontrollierte Variation.

Drittens sind manche Strategien „aktiv“ im Prozess, aber nicht zwingend in der Bestandsabweichung. Eine leicht veränderte Gewichtung, Risikofilter oder kleine Faktorverschiebungen können aktiv sein, bleiben aber optisch nahe am Index.

Die Benchmark kann den Eindruck verzerren

Viele aktive ETFs bewegen sich derzeit nahe an ihrer Benchmark und liefern damit eher kontrollierte Variation als eigenständige Portfolios. Active Share und Tracking Error machen diese Nähe messbar, die Benchmarkwahl beeinflusst die Interpretation jedoch stark."

Ein wichtiger Punkt der HQ-Trust-Analyse ist die Wahl der Benchmark. Sie ist nicht nur Messlatte, sondern beeinflusst die Kennzahlen. Tachtler nennt dafür ein plausibles Beispiel: Ein US-Aktien-ETF wirkt im Vergleich zu S&P 500 anders als im Vergleich zu MSCI USA, allein weil die Indizes unterschiedlich viele Titel enthalten. Schon daraus können höhere Abweichungswerte entstehen, ohne dass der Fonds „mutiger“ geworden ist.

Das macht den Benchmark-Vergleich zu einer Pflichtübung: Eine Zahl wie Active Share ist nur so aussagekräftig wie der Vergleichsindex, gegen den gemessen wird. Und in thematischen Produkten wird der Effekt oft noch stärker. Ein Klima-ETF, der gegen einen sehr breiten Weltindex gemessen wird, kann hohe Abweichung zeigen, obwohl das eigentliche Portfolio vielleicht nur einer logischen Themenvorgabe folgt.

Was diese Befunde praktisch bedeuten

Die Analyse sagt nicht, dass aktive ETFs „schlecht“ sind. Sie sagt, dass der aktive Anteil oft kleiner ist, als der Produktname suggeriert. Daraus ergeben sich zwei Konsequenzen: Erwartungen werden realistischer, und Gebühren werden kritischer.

Ein kurzer Praxisrahmen hilft bei der Einordnung:

  • Wie hoch ist die Abweichung wirklich? (Active Share, Tracking Error, Top-Positionen)
  • Wodurch entsteht die Abweichung? (Einzeltitelauswahl, Faktoren, Themenfilter, Risikoregeln)
  • Passt die Gebührenhöhe zur Aktivität? (mehr Aktivität braucht nicht automatisch mehr Qualität, aber geringe Aktivität rechtfertigt selten hohe Kosten)
  • Ist die Benchmark sinnvoll gewählt? (nicht jede Messlatte ist neutral)

Kann sich das Bild ändern?

Tachtlers Hinweis, dass sich das in zwei bis drei Jahren anders darstellen könnte, ist plausibel. Ein junger Markt beginnt oft mit vorsichtigen Produkten. Wenn der Wettbewerb zunimmt, wachsen zwei Anreize: klarere Profile und stärkere Differenzierung. Beides kann dazu führen, dass aktive ETFs künftig häufiger echte Abweichung wagen – entweder als bewusst konzentrierte Strategien oder als stärker regelbasierte aktive Modelle.

Fazit

Die HQ-Trust-Analyse zeigt vor allem eines: „Aktiv“ ist kein einheitliches Verhalten, sondern ein Spektrum. Viele aktive ETFs bewegen sich derzeit nahe an ihrer Benchmark und liefern damit eher kontrollierte Variation als eigenständige Portfolios. Active Share und Tracking Error machen diese Nähe messbar, die Benchmarkwahl beeinflusst die Interpretation jedoch stark. Das Bild kann sich ändern, wenn der Markt reift – bis dahin bleibt der entscheidende Punkt die Passung zwischen Anspruch, tatsächlicher Abweichung und Kosten.

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