DIW-Analyse Vorsorge-Lücke bleibt groß
Private Vorsorge bleibt ein ungleich verteiltes System.
Die zusätzliche Altersvorsorge sollte in Deutschland eigentlich eine zweite stabile Säule neben der gesetzlichen Rente bilden. In der Praxis gelingt das bis heute nur begrenzt. Eine neue Auswertung des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung auf Basis des Sozio-oekonomischen Panels zeigt, dass private und betriebliche Vorsorge weiterhin ungleich verteilt sind und viele Haushalte gar nicht oder nur unzureichend erreichen. Das macht den Befund politisch besonders relevant, weil der Bundestag erst am 27. März 2026 die Reform der geförderten privaten Altersvorsorge mit dem neuen Altersvorsorgedepot beschlossen hat.
Der Kern der DIW-Analyse ist ernüchternd. Zusätzliche Altersvorsorge stärkt die Absicherung im Alter nicht flächendeckend, sondern folgt stark den bereits bestehenden sozialen Unterschieden. Menschen mit höherem Einkommen, besserer Bildung und stabileren Erwerbsbiografien nutzen private Vorsorge deutlich häufiger. Geringverdienende, Personen mit unterbrochenen Erwerbsverläufen und andere strukturell benachteiligte Gruppen bleiben dagegen weit öfter außen vor. Das DIW formuliert deshalb ausdrücklich, dass ergänzende private Altersvorsorge bestehende Ungleichheiten eher verstärkt als ausgleicht.
Riester stagniert, Zusatzrenten bleiben schwach verbreitet
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Besonders deutlich wird das Problem beim Blick auf die bisherige Riester-Logik. Nach den DIW-Zahlen existieren rund 15,5 Millionen Riester-Verträge bei etwa 45,5 Millionen Erwerbstätigen. Zugleich ist die Verbreitung seit der Mitte der 2010er Jahre nicht mehr gestiegen und zuletzt sogar leicht zurückgegangen. Das heißt: Selbst das bekannteste Förderinstrument hat nie jene Breite erreicht, die für eine tragende zweite Vorsorgesäule notwendig wäre.
Noch deutlicher ist die Lage bei den heutigen Rentnerinnen und Rentnern. Weniger als zehn Prozent beziehen laut DIW eine private Zusatzrente. Die betriebliche Altersversorgung ist zwar weiter verbreitet, erreicht aber ebenfalls keine gleichmäßige Abdeckung. Etwa ein Drittel der heutigen Rentner erhält Leistungen aus einer betrieblichen Vorsorge. Auch dort zeigen sich klare Unterschiede nach Branche, Betriebsgröße, Region und sozialer Stellung. Freiwillige Zusatzsysteme bleiben also nicht nur lückenhaft, sondern sie spiegeln oft gerade jene Ungleichheiten wider, die sie eigentlich abfedern sollten.
Zur praktischen Einordnung helfen zwei Befunde besonders:
- Private Vorsorge ist bei Menschen mit mehr Einkommen und stabileren Erwerbsverläufen deutlich häufiger verbreitet.
- Betriebliche Vorsorge ist insgesamt stärker verbreitet, aber ebenfalls sozial ungleich verteilt.
Das neue Altersvorsorgedepot setzt auf Rendite, nicht automatisch auf Breite
Mit der Reform will die Bundesregierung genau an dieser Stelle ansetzen. Das neue Altersvorsorgedepot soll die bisherige Riester-Welt ersetzen und die private Altersvorsorge renditestärker, kostengünstiger und einfacher machen. Laut Bundesregierung ist ein zentrales Element die Öffnung der Förderung für ein Altersvorsorgedepot ohne Garantien, damit Bürgerinnen und Bürger stärker von langfristigen Kapitalmarktchancen, etwa über global gestreute Aktien oder ETF, profitieren können. Ergänzend sollen weiterhin Garantieprodukte möglich bleiben, und es ist ein staatliches Standardprodukt vorgesehen. Die neue private Altersvorsorge soll zum 1. Januar 2027 starten.
Aus Sicht des DIW greift diese Reform die zentralen Verteilungsprobleme jedoch nur teilweise auf. Der Grund ist strukturell: Freiwillige Systeme erreichen gerade die Gruppen nicht zuverlässig, die aus eigener Kraft am schwersten vorsorgen können. Hinzu kommt, dass Fördermechanismen häufig daran gekoppelt sind, wie viel jemand einzahlt. Davon profitieren Menschen mit höheren Einkommen überproportional, weil sie überhaupt in der Lage sind, größere Beiträge zu leisten. Johannes Geyer vom DIW formuliert deshalb klar, dass freiwillige Systeme aus der Forschung heraus nicht die notwendige Verbreitung erreichen.
Die eigentliche Frage ist strukturell, nicht nur produktbezogen
Die neue DIW-Analyse macht deutlich, dass die Vorsorge-Lücke in Deutschland nicht nur ein Mengenproblem, sondern vor allem ein Verteilungsproblem ist. Zusätzliche Altersvorsorge erreicht viele Menschen weiterhin nicht – und gerade diejenigen, die im Alter besonders verletzlich sind, profitieren seltener von ihr."
Damit verschiebt sich die Debatte. Die entscheidende Frage lautet nicht nur, ob das neue Depot attraktiver ist als die Riester-Rente. Wichtiger ist, ob ein freiwilliges, individuell zu besparendes System überhaupt jene Breite erreichen kann, die für eine wirksame Alterssicherung nötig wäre. Genau hier bleibt das DIW skeptisch. Die Forschenden verweisen auf weitergehende Reformoptionen, insbesondere auf verpflichtende kapitalgedeckte Systeme mit kollektiven Elementen. Solche Modelle könnten Risiken breiter streuen, Erwerbslücken besser abfedern und die Teilnahme weniger stark vom einzelnen Einkommen abhängig machen.
Bemerkenswert ist auch der politische Hintergrund dieser Diagnose. Laut DIW sieht eine Mehrheit der Bevölkerung weiterhin den Staat in der Verantwortung, den Lebensstandard im Alter zu sichern. Nur eine kleine Minderheit setzt primär auf individuelle Eigenvorsorge. Das passt zu der nüchternen Beobachtung, dass private Zusatzvorsorge in Deutschland zwar existiert, aber bis heute nicht den Charakter einer breit getragenen Volksvorsorge angenommen hat.
Fazit
Die neue DIW-Analyse macht deutlich, dass die Vorsorge-Lücke in Deutschland nicht nur ein Mengenproblem, sondern vor allem ein Verteilungsproblem ist. Zusätzliche Altersvorsorge erreicht viele Menschen weiterhin nicht – und gerade diejenigen, die im Alter besonders verletzlich sind, profitieren seltener von ihr. Die Reform mit dem Altersvorsorgedepot kann zwar Produkte modernisieren, Renditechancen erhöhen und die Riester-Struktur vereinfachen. Sie beseitigt aber nicht automatisch den zentralen Konstruktionsfehler freiwilliger Systeme: Es beteiligen sich vor allem jene, die ohnehin mehr finanzielle Spielräume haben.
Für die Debatte um Alterssicherung bedeutet das einen wichtigen Perspektivwechsel. Die Zukunft der Vorsorge entscheidet sich nicht allein an besseren Depots, niedrigeren Kosten oder höheren Kapitalmarkterträgen. Sie entscheidet sich daran, ob ein System auch diejenigen erreicht, die heute am wenigsten zusätzliche Vorsorge aufbauen können. Genau daran bleibt die neue Reform vorerst zu messen.
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