SAF gilt als eine der vielversprechendsten Technologien, um die CO₂-Emissionen im Flugverkehr zu senken

Fluggesellschaften warnen Zu teure grüne Kraftstoffe

Die europäische Luftfahrtbranche steht vor einem tiefgreifenden Wandel. Im Zuge des „Green Deal“ der Europäischen Union soll auch der Flugverkehr seinen Beitrag zur Erreichung der Klimaziele leisten – allen voran durch den Einsatz nachhaltiger Flugkraftstoffe (SAF – Sustainable Aviation Fuels).

Doch während die politische Marschrichtung klar scheint, warnen Fluggesellschaften wie die Lufthansa Group, Air France-KLM und die IAG vor einem gefährlichen Nebeneffekt: hohe Kosten und drohende Wettbewerbsnachteile gegenüber außereuropäischen Anbietern.

In einem gemeinsamen Appell fordern die Airlines einen „Lean Deal statt Green Deal“ – also eine realitätsnähere, marktwirtschaftlich orientierte Umsetzung der Klimaziele, die ökologische Ambitionen mit ökonomischer Machbarkeit verbindet. Im Zentrum der Debatte steht die Frage, wie viel Klimaschutz der Luftverkehr verkraftet, ohne die Branche selbst zu gefährden.


Nachhaltiger Flugkraftstoff – Hoffnungsträger mit Preisetikett

SAF gilt als eine der vielversprechendsten Technologien, um die CO₂-Emissionen im Flugverkehr zu senken. Im Gegensatz zu herkömmlichem Kerosin basiert SAF auf biogenen Rohstoffen, Abfallprodukten oder synthetischen Herstellungsverfahren, die deutlich weniger Treibhausgase verursachen – zumindest über den gesamten Lebenszyklus betrachtet.

Doch der Haken liegt auf der Hand: Die Produktion ist teuer, die Verfügbarkeit begrenzt, und der Markt steht erst am Anfang seiner Entwicklung. Aktuell ist SAF etwa drei- bis fünfmal so teuer wie fossiles Kerosin, was bei verpflichtender Beimischung erhebliche Zusatzkosten für Airlines bedeutet. Diese Mehrkosten können kaum vollständig auf die Kunden abgewälzt werden – und treffen insbesondere europäische Fluggesellschaften, die im internationalen Wettbewerb stehen.

Für Unternehmen wie die Lufthansa bedeutet das konkret: Steigende Kosten bei gleichzeitig wachsendem Preisdruck durch Wettbewerber aus der Golfregion, Asien oder den USA, wo es bislang deutlich weniger regulatorische Vorgaben zum Einsatz nachhaltiger Kraftstoffe gibt.


Wettbewerbsverzerrung droht – Airlines fordern Anpassung

Die Luftfahrtbranche betont ausdrücklich, dass sie grundsätzlich zur Reduktion ihrer Klimabelastung bereit ist.

Doch sie fordert Rahmenbedingungen, die global abgestimmt und wirtschaftlich tragfähig sind.

Der Einsatz von SAF müsse gefördert, aber nicht durch überhastete Quotenregelungen erzwungen werden.

Konkret fordern die Airlines:

  • Einheitliche Wettbewerbsregeln auf internationaler Ebene, insbesondere im Rahmen der ICAO und durch globale Klimainitiativen wie CORSIA.
  • Förderung von SAF-Produktion durch Investitionsanreize und Subventionen, statt reiner Quotenverpflichtungen.
  • Technologieoffenheit: Auch alternative Maßnahmen wie Effizienzsteigerungen, CO₂-Kompensation oder neue Antriebstechnologien sollten berücksichtigt werden.
  • Langfristige Planungssicherheit, damit Investitionen in neue Flugzeuge und Infrastruktur auf solider Grundlage erfolgen können.

Der Begriff „Lean Deal“ soll dabei ausdrücken, dass ein effektiver Klimaschutz möglich ist – aber nur, wenn Ressourcen zielgerichtet eingesetzt und Fehlanreize vermieden werden.


Klimapolitik unter Zeitdruck – und unter Druck der Realität

Die europäische Luftfahrt steht bereit, ihren Beitrag zum Klimaschutz zu leisten. Doch sie braucht dafür politische Flankierung, wirtschaftliche Vernunft und regulatorisches Augenmaß. Nur dann kann der Wandel gelingen – und zwar nicht nur ökologisch sinnvoll, sondern auch ökonomisch tragfähig."

Die EU-Kommission verfolgt mit dem „Fit for 55“-Paket ehrgeizige Ziele: Bis 2030 sollen die Emissionen im Vergleich zu 1990 um mindestens 55 Prozent sinken. Der Luftverkehr ist dabei ein zentraler Hebel, denn bislang ist er eine der am schnellsten wachsenden Emissionsquellen.

Das Problem: Während andere Sektoren leichter elektrifiziert werden können, bleibt der Flugverkehr auf flüssige Energieträger angewiesen – zumindest in den kommenden Jahrzehnten. Batteriebetriebene Langstreckenflüge sind derzeit technisch nicht realistisch. SAF gilt daher als alternativloser Brückenträger der Dekarbonisierung, aber der Weg dahin ist lang und teuer.

Zudem wird das Thema zunehmend politisch aufgeladen: Wer zu sehr auf Kosten und Marktmechanismen pocht, läuft Gefahr, als Bremser im Klimaschutz gebrandmarkt zu werden. Wer hingegen zu hohe ökologische Auflagen fordert, riskiert den Exodus ganzer Teilbranchen in unregulierte Märkte. Die Balance ist schwierig – und wird zum Prüfstein europäischer Industriepolitik.


Wirtschaftsstandort Europa in der Zwickmühle

Die Auseinandersetzung um grüne Kraftstoffe für den Luftverkehr ist mehr als eine sektorale Einzeldebatte. Sie berührt Grundfragen der europäischen Wettbewerbsfähigkeit, der globalen Klimagerechtigkeit und der Rolle von staatlicher Steuerung im Strukturwandel.

Wenn europäische Airlines strukturell benachteiligt werden, droht nicht nur eine Verlagerung von Verkehrsströmen – etwa über Drehkreuze im Nahen Osten –, sondern auch ein Verlust an Wertschöpfung, Arbeitsplätzen und technologischer Innovationskraft.

Das ist umso kritischer, da die europäische Luftfahrtindustrie bislang als Vorreiter in Sachen Nachhaltigkeit gilt – mit moderner Flotte, ambitionierten Klimazielen und großem Know-how. Ohne Unterstützung und realitätsnahe politische Steuerung könnte dieses Potenzial ins Wanken geraten.


Fazit: Grüner Wandel nur mit wirtschaftlicher Tragfähigkeit

Die Forderung der Fluggesellschaften nach einem „Lean Deal“ ist Ausdruck eines Spannungsfelds, das sich in vielen Industriebranchen zeigt: Der Wille zur Transformation ist da – aber er braucht tragfähige Rahmenbedingungen.

Nachhaltiger Flugkraftstoff ist keine Frage des Ob, sondern des Wie und Wann. Ohne wirtschaftliche Anreize, technologischen Fortschritt und internationale Koordination droht ein guter Gedanke zum wettbewerbsgefährdenden Kraftakt zu werden.

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