Faktorstrategien versprechen, systematische Renditequellen jenseits klassischer Marktbeteiligung zu erschließen

Faktorprämien sind nicht stabil Faktorstrategien im Indexgewand

Systematischer Mehrwert oder neue Komplexität?

Faktorstrategien versprechen, systematische Renditequellen jenseits klassischer Marktbeteiligung zu erschließen. Begriffe wie Value, Momentum, Quality oder Low Volatility sind längst Teil der Kapitalmarktgrammatik. Mit der Verpackung dieser Ansätze in ETFs hat sich ihr Einsatz stark verbreitet. Was früher spezialisierten Mandaten vorbehalten war, ist heute indexbasiert, transparent und kostengünstig verfügbar. Die zentrale Frage bleibt jedoch: Liefert das Indexgewand echten Mehrwert – oder erhöht es vor allem die Komplexität?

Im Kern greifen Faktor-ETFs auf wissenschaftlich beschriebene Zusammenhänge zurück, die maßgeblich durch Eugene F. Fama und Kenneth French geprägt wurden. Die Übertragung in investierbare Indizes verändert jedoch die Wirkungsweise.


Was Faktorstrategien versprechen

Faktoren sind regelbasierte Merkmale von Aktien, die historisch mit bestimmten Rendite- oder Risikoeigenschaften verbunden waren. Value-Aktien galten lange als günstiger bewertet, Momentum profitierte von Trendfortsetzung, Quality von stabilen Geschäftsmodellen, Low Volatility von geringeren Schwankungen.

Faktor-ETFs bündeln diese Merkmale systematisch. Im Vergleich zu klassischen Marktindizes wie dem MSCI World versprechen sie:

  • Strukturierten Mehrertrag: Renditequellen jenseits reiner Marktentwicklung.
  • Risikosteuerung: Reduktion bestimmter Risiken durch gezielte Auswahl.
  • Transparenz: Klare Regeln statt diskretionärer Entscheidungen.

Diese Vorteile sind theoretisch überzeugend – praktisch jedoch nicht garantiert.


Warum Faktorprämien nicht konstant sind

Ein zentrales Problem liegt in der Zyklizität. Faktorprämien sind nicht stabil. Phasen starker Outperformance wechseln sich mit langen Durststrecken ab. Besonders sichtbar wurde dies bei Value-Strategien, die über Jahre hinter Wachstumswerten zurückblieben.

Hinzu kommt ein Marktmechanismus: Je populärer ein Faktor wird, desto stärker wird er vorweggenommen. Kapitalzuflüsse können Bewertungen verzerren und die erwartete Prämie schmälern. Faktor-ETFs sind damit nicht nur Abbild, sondern auch Treiber von Marktbewegungen.

Die Folge ist eine steigende Unsicherheit darüber, ob vergangene Zusammenhänge künftig Bestand haben.


Komplexität durch Kombination und Umschichtung

Faktorstrategien im Indexgewand strukturieren bekannte Marktphänomene, sind jedoch zyklisch, modellabhängig und kostenintensiver als klassische Indizes."

Viele Produkte kombinieren mehrere Faktoren, um Schwankungen zu glätten. Diese Multifaktor-Ansätze erhöhen jedoch die Intransparenz. Wenn Performance schwankt, ist schwer zu erkennen, welcher Faktor wirkt – oder bremst.

Zudem erfordern Faktorindizes regelmäßige Neugewichtungen. Das führt zu Umschichtungen, die Kosten verursachen und in Stressphasen Liquiditätsrisiken bergen können. Die scheinbar passive Struktur ist aktiver, als sie auf den ersten Blick wirkt.

Typische Nebenwirkungen sind:

  • Höhere Umschlagshäufigkeit als bei marktgewichteten Indizes.
  • Abweichungen vom Gesamtmarkt, die lange anhalten können.
  • Timing-Risiken, wenn Faktoren ungünstige Marktphasen treffen.

Einordnung für die Portfoliostrategie

Faktorstrategien sind kein Ersatz für breite Marktindizes. Sie sind Werkzeuge mit klarer Wirkungsrichtung. Ihr Nutzen hängt davon ab, ob Anleger bereit sind, Abweichungen vom Markt auszuhalten und Strategien über volle Zyklen zu halten.

Als Beimischung können Faktor-ETFs sinnvoll sein. Sie ermöglichen gezielte Akzente, etwa zur Risikoreduktion oder zur Diversifikation von Renditequellen. Als Kerninvestment erhöhen sie jedoch die Komplexität und die Abhängigkeit von Modellannahmen.

Entscheidend ist die Rolle im Gesamtportfolio – nicht das Produktversprechen.


Fazit

Faktorstrategien im Indexgewand bieten potenziellen Mehrwert, aber keinen Automatismus. Sie strukturieren bekannte Marktphänomene, sind jedoch zyklisch, modellabhängig und kostenintensiver als klassische Indizes. Ihr Einsatz erhöht die strategische Komplexität und erfordert Disziplin. Faktor-ETFs sind kein Allheilmittel, sondern gezielte Instrumente für klar definierte Zwecke.

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